Liebe Xtina,
vielen Dank für die Angaben. Damit konnte ich mir ein besseres Bild machen. Deine Tochter hat gut zugenommen. Das schonmal vorne weg.
Ich antworte jetzt ausführlich auf Deine bisherigen Posts. Mir ist wichtig, dass Du verstehst, wie es zu Euren Problemen gekommen ist, damit Du nachvollziehen kannst, warum ich Dir jetzt zu bestimmtem Dingen rate. Dieser Beitrag wird sehr ausführlich sein. Keine Sorge: Danach wird es nicht mehr so viel auf einmal zu lesen und zu beantworten geben.
Xtina hat geschrieben: 20.10.2019, 13:06
Sie bekommt zu 90 Prozent Muttermilch per Flasche, der Rest ist Pre.
Toll, dass Du so viel pumpst. Ich weiß, wie anstrengend das ist. Aber dass Du so viel Milch hast, wird die Rückführung an die Brust massiv erleichtern.
Nachts kommt sie das erste Mal nach etwa vier Stunden, danach fast alle zwei Stunden. Tagsüber haben wir auch einen Rhythmus von 2 bis 3 Stunden. Dabei trinkt sie etwa 100ml.
Ich vermute, die Menge bezieht sich auf die Flasche? Babys im Alter Deiner Tochter trinken statistisch 688-922 ml Muttermilch in 24h. Diese Menge ist bei 100-ml-Flaschen natürlich schnell gedeckt, insbesondere wenn ein Baby eher am unteren Bedarf angesiedelt ist.
Außerdem halten größere Protionen länger satt. Das ist von der Natur aber nicht unbedingt vorgesehen. Die meisten Stillpaare brauchen 8 bis 12x stillen, damit es rund läuft. Viele brauchen es häufiger, wenige kommen mit seltenerem Stillen aus.
Das regelmäßige Stillen läuft im Idealfall ganz von alleine und die Uhr spielt keine Rolle. Es wird einfach nach Bedarf gestillt: Entweder das Baby meldet, dass es stillen möchte, oder die Mutter möchte stillen (z.B. weil ihre Brust spannt oder sie vor einem Spaziergang das Baby definitiv satt wissen will).
Wenn es jedoch nicht rund läuft, dann macht es Sinn, etwas mehr auf die Abstände zu achten und
eine Zeit lang nach der Uhr zu stillen - außer der Bedarf meldet sich schon früher, ganz klar.
Wenn sie müde ist, muss ich sie erst in den Halbschlaf schuggeln, damit sie aus der Flasche trinkt, obwohl sie hungrig ist. Als wir noch gestillt haben, war es zuletzt genauso. Ich hatte gedacht, es würde mit der Flasche einfacher - kam aber nicht so.
Aufgeregte Babys müssen sich erst beruhigen, bevor sie trinken können. Da ist es egal, ob Brust oder Flasche angeboten werden. Im Halbschlaf lässt sich oft auch besser anlegen, selbst wenn Stillprobleme bestehen. Daher ist gerade das nächtliche Stillen so wichtig.
Da der Schnuller jedoch dazu verführt, Hunger zu übernuckeln, ist es sehr wichtig, diesen - wenn überhaupt - erst einzuführen, wenn das Stillen gut etabliert ist, und nur sehr dosiert zu geben, z.B. beim Autofahren. Sonst passiert oft, was bei Euch geschehen ist:
Den Nuckel bekam sie mit circa 6 Wochen auf Anraten der Hebamme („Die hat ein großes Saugbedürfnis, da muss ein Nucki her.“) Mittlerweile schläft sie nicht mehr ohne Nuckel ein.
Solche Aussagen wie die Deiner Hebamme machen mich immer etwas fassungslos. Aber allein an ihr kann man schon erkennen, dass Deine Hebamme leider keine Ahnung vom Stillen hat. Menschenkinder heißen "Säuglinge", weil sie saugen müssen. Dieses Verhalten ist wichtig, damit das Baby genug Milch trinkt und die Stillende genügend Milch produziert. Mutter Natur wäre schön dumm, einem Baby ein Bedürfnis zu geben, dass für seine Versorgung unnütz oder übertrieben wäre.
Ja, es gibt Babys mit stärkerem Saugbedürfnis als dem anderer Babys. Das bedeutet jedoch nicht, dass es für die Milchproduktion unnötig ist und deshalb durch den Schnuller ersetzt werden könnte. Ich rede hier natürlich von reif und gesund geborenen Kindern wie Deiner Tochter.
Der Schnuller ist ein massiver Eingriff in die Milchbildung und birgt zusätzlich die Gefahr einer Saugverwirrung. Dasselbe gilt für Flaschensauger.
Unser Stillstart war problemlos. Sie trank gut, nahm gut zu, ließ sich überall auch unterwegs stillen. Allerdings hat meine Hebamme früh zum Flaschegeben geraten, weil ich anfangs das abendliche Clustern zu anstrengend fand (und es leider nicht besser wusste). Das haben wir dann leider öfter abends gemacht.
Clusterfeeding ist wie das non-nutritive Stillen - umgangssprachlich "Nuckeln" genannt - wichtig für die Milchbildung. Es ist ein
völlig normales Stillverhalten.
Du hast den ganzen Tag über Hormone in Deinem Körper, die für das Stillen wichtig sind. Allerdings sind die Rezeptoren nicht immer gleich empfindlich. Am stärksten reagieren sie nachts und in den frühen Morgenstunden. Deshalb fließt da die Milch in dieser Zeit leichter. Über den Tag nimmt die Empfindlichkeit immer weiter ab, bis sie abends am geringsten ist. Daher kommt es abends zum Clusterfeeding. Die Babys müssen etwas härter für den Milchfluss arbeiten. Es dauert länger, bis eine Sättigung erreicht wird. Durch das Clusterfeeding signalisiert das Baby der Brust: Ich bin noch da und brauche mehr. Dadurch geht der Körper der Mutter nachts wieder in den Produktionsmodus über,
Wenn man das versteht, sieht man auch, warum das Überbrücken des Clusterfeedings so fatal für die Milchbildung ist. Durch die Flasche entsteht eine lange Stillpause, die der Brust "kein Bedarf" signalisiert. Diese reduziert dann die Produktion und nachts, wenn wieder gestillt werden soll, fließt die Milch nicht so gut, wie sie es täte, wäre abends nach Bedarf gestillt worden. Das Baby ist dann an der Brust unzufrieden, ggf. wird wieder die Flasche gegeben und der Kreislauf von Zufüttern und Unzufriedenheit an der Brust führt letztendlich zum Pumpstillen oder Abstillen.
Zusätzlich zu der künstlichen Stillpause macht auch noch der Flaschensauger regelmäßig Probleme. An der Flasche wird eine andere Technik benötigt als an der Brust. Manche Babys wechseln problemlos zwischen Flasche und Brust hin und her, viele aber leider nicht. Sie versuchen mit der Flaschentechnik an der Brust zu trinken und scheitern.
Auch kommt aus der Flasche ohne Aktivität des Babys Milch. Stillen ist ohne aktives Baby eigentlich nicht möglich. Wartet ein Baby an der Brust auf das Schlaraffenland, dann ist auch hier Frust vorprogrammiert.
All diese Punkte zusammen genommen führen dazu, dass ein Baby nicht mehr an die Brust geht. Die Folge: Abstillen. Gut, dass Du zu uns gefunden hast. Wir können gemeinsam daran arbeiten, dass Ihr Zwei bald wieder entspannt stillen könnt.
Ich selbst bin über die Probleme an einer postpartalen Depression erkrankt, nehme stillfreundliche Medikamente.
Gut, dass Du Dir Hilfe geholt hast. Sollte ich Dich hier in der Beratung mal überfordern, dann melde mir das bitte zurück.
Mein erstes Kind lag nach der Geburt in der Kinderklinik, daher konnte ich nur pumpstillen, was ich 6 Monate lang gemacht habe.
Das hast Du toll gemacht. Die Pumperfahrung hat Dir in den letzten Wochen sicher sehr geholfen. Jetzt lass uns schauen, was es braucht, damit Du die Pumpe bald im Schrank verstauen kannst.
Xtina hat geschrieben: 24.10.2019, 11:34
Ich hatte mir die Waage aus der Apotheke geliehen, weil ich selbst das <Gefühl hatte, dass irgendetwas nicht stimmt
Gut, dass die Waage schon da ist. So kannst Du gleich morgen mit unserer Routine beginnen. Bitte wiege Deine Tochter jeden Morgen unter den gleichen Bedingungen: z.B. um 8 Uhr, nach dem Aufwachstillen, mit frischer Windel, ohne Kleidung. Diese Zahlen zeigen zwar nicht die echte Zunahme - schließlich sind Blase und Darm mal mehr oder weniger gefüllt. Aber es ergibt sich für mich so eine Kurve, in der ich Ausreißer erkennen und ausklammern kann.
Außerdem brauche ich noch
täglich folgende Angaben:
- Wie oft wurde gestillt und/oder die Flasche gegeben?
- Wie groß war die Füttermenge in 24h?
- Wie viele Windeln gab es? Jede schmutzige Windel gilt als "Stuhl", jede ausschließlich nasse Windel wurd zu "Urin" gezählt.
Das sieht dann in etwa so aus:
15.07. 3800 g, 11x gestillt (4x mit BES), 1x Flasche, 250 ml PRE, 50 ml MuMi, 5x Urin, 1x Stuhl
Es macht Sinn, die 24h immer ab dem Wiegen zu zählen. Leg Dir dafür einen Zettel an Euren Wickelplatz und einen zweiten an Euren Stillplatz, jeweils mit Stift. Sann musst Du nur schnell das Gewicht notieren und einen Strich oro Windel oder Stilleinheit machen.
Auch jetzt mit Flasche ist das Thema Füttern bei uns schwierig: Sobald sie müde ist, geht nichts mehr. Das war an der Brust genauso. Erst per Nuckel beruhigt und in den Halbschlaf gebracht, trinkt sie. Als ich noch gestillt habe, war ich nur damit beschäftigt, sie zum Schlafen zu bringen und 30min danach anzulegen.
Diesem Kreislauf können wir übergangsweise entrinnen, indem Ihr nach der Uhr stillt: tagsüber alle 2h, nachts alle 3h. Die Abstände werden immer von Stillbeginn zu Stillbeginn gerechnet, als z.B. 8 Uhr - 10 Uhr - 12 Uhr - 14 Uhr - 16 Uhr - 18 Uhr - 20 Uhr - 23 Uhr - 2 Uhr - 5 Uhr - usw.
Mit diesen Abständen kommt Ihr auf mindestens 10x stillen in 24h. Mindestens, weil Du natürlich auch früher stillen sollst, wenn Deine Kleine Hunger signalisiert.
Seit einer Woche etwa stille ich gar nicht mehr, sondern gebe die Milch nur noch per Flasche. Deshalb handelt es sich bei den Angaben auch nicht um Zufütternmengen, sondern um ganze Mahlzeiten.
Gut, dass Du die Flasche schon häufig gibst. Mit durchschnittlich 78 ml gestern sind die Portionen auch nicht so groß. Daher liegt die Hauptaufgabe darin, die Brust wieder "schmackhaft" zu machen und alle Störelemente zu beseitigen. Dazu gehört als erster Schritt das Weglassen des Schnullers und die Einführung einer stillfreundlichen Zufüttermethode.
Und wie meinst Du das mit dem Brust statt Nuckel? Soll ich sie rausnehmen, wenn sie schläft und ich Stillposition bringen?
Es gibt zwei Methoden, um den Schnuller abzugewöhnen:
a) "kalter Entzug": Der Schnuller wird verbannt und stattdessen die Brust oder wenn das (noch) nicht geht, der kleine Finger zum Nuckeln angeboten.
b) langsames Ausschleichen: Der Schnuller wird z.B. zum Einschlafen noch gegeben, jedoch direkt nach dem Einschlafen entfernt. Es kann versucht werden, das schlafende Kind dann bei Nuckelbedürfnis an die Brust zu legen, anstatt den Schnuller zurück zu geben.
Generell empfehle ich Variante A. Sie ist zwar teilweise anstrengender, dafür jedoch schneller und verleitet nicht zu Rückfällen. Ist der Schnuller keine Option, ist man auch kreativer und lernt schneller, was funktioniert. Außerdem fällt der Schnuller als Auslöser der Saugverwirrung weg und kann Erfolge an der Brust nicht gleich wieder zunichte machen.
Das Gleiche gilt für die Flasche. Solange sie in Verwendung ist, werden alle Bemühungen an der Brust erschwert. Dein Baby muss vergessen wie es ist, aus der Flasche zu trinken und am Schnuller zu nuckeln. Stattdessen muss sie (wieder) lernen, aus der Brust zu trinken und dort auch trocken zu nuckeln. Da Du eine Menge Milch hast, wird das sicher schnell funktionieren. Aber zunächst brauchen wir noch ein Hilfsmittel, damit Du an der Brust zufüttern kannst. So lernt Deine Kleine, wieder gerne an die Brust zu gehen und die richtige Technik, ohne Störungen.
In Eurem Fall rate ich zum Brusternährungsset (BES). Das kannst Du in der Apotheke bestellen. Da der Beipackzettel recht dürftig ist, solltest Du Dir vor der ersten Nutzung die
ElternInfo Brusternährungsset herunterladen und durchlesen.
Wichtig ist, dass Du Dich mit dem BES auch praktisch auseinandersetzt: mehrfach auseinander- und zusammenbauen, mit Wasser befüllen, anbringen und den Fluss regulieren üben. Erst wenn Du Dich mit dem Gebrauch sicher fühlst, benutzt Du es das erste Mal mit Milch und Baby. Deine Tochter sollte natürlich guter Laune und noch nicht allzu hungrig sein.
Wo schläft Dein Baby denn für gewöhnlich? Im eigen Bett/Zimmer, im Stillbalkon oder im Familienbett? Oder schläft es meist im Tuch o.a. ein?
Leider sind meine Brustwarzen nicht per se nuckelfreundlich. Sie müsste sie also erst mal ansaugen und „zurecht formen“, falls Du weißt, was ich meine.
Das müssen alle Babys.

Und auch mit Flach- oder Schlupfwarzen lässt sich stillen. Oder gibt es noch eine andere Besonderheit?
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So, das waren viele Antworten und einige Fragen. Ich fasse das Wichtigste nochmal zusammen:
- täglich unter gleichen Bedingungen wiegen
- Stilleinheiten, Flaschenanzahl, Füttermenge und Windelanzahl notieren
- mindestens 10x stillen/füttern in 24 h
- tags alle 2h, nachts alle 3h (dazu auch wecken:
Tipps für schläfrige Babys)
- keine künstlichen Sauger
Was meinst Du? Wollen wir es zusammen anpacken?