Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

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fritzchen69
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Re: Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

Beitrag von fritzchen69 »

Hier lese ich gerne mit. Bei uns ist es ganz schlimm mit - Welches Kuscheltier /Spielzeug o.ä. nehme ich mit in den Urlaub / zum Spaziergang usw. Das hat bei uns schon vor manchem Ausflug zur Eskalation geführt... :roll:
Ich tue mich auch schwer mit Entscheidungen, aber meine Tochter toppt alles.
Lieben Gruß
fritzchen69
schlangengurke
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Re: Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

Beitrag von schlangengurke »

muh hat geschrieben: 11.04.2019, 21:19 Wie wäre es, Entscheidungen wenn möglich ohne Druck zu treffen? Hilft es zum Beispiel, die Kleidung am Abend vorher rauszulegen? In allen Situationen geht das natürlich nicht.
Das hilft leider nicht. Am Morgen muss man sich ja noch mal entscheiden, ob man das dann wirklich anziehen will.
Wenn ich darauf bestehen würde das durchzuziehen, wie das manche machen (obwohl mir schleierhaft ist, wie das gewaltfrei gehen soll), habe ich ja das Problem sogar zweimal: einmal abends mit der Entscheidung, einmal morgens beim durchsetzen.

Immerhin bin ich mit dem Problem nicht alleine :)
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Katha
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Re: Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

Beitrag von Katha »

Ich muss in "Das hochsensible Kind" mal noch dazu nachlesen, was da alles an Hinweisen kam. Danach ist es ein Bisschen besser geworden.
Was aber davon hängenblieb - und was es zum Teil auch wirklich verbessert hat - ist nicht zu viel Entscheidungen anzubieten. Also wenn jemand sich ständig entscheiden muss, das erzeugt das im Zweifel auch andauernd kognitive Dissonanz. Aber wenn es halt nur manchmal der Fall ist, dann kann er/sie das leichter ertragen. (Ist jetzt so zusammengefasst, was ich daraus ziehe.)
Also versuche ich jetzt eher nicht mehr bei allem zu fragen, wie er was haben möchte. Sondern lege manche Sachen eher fest, damit es die Summe der Entscheidungen am Tag reduziert.
Zum Teil liegt das, denke ich, generell auch am Schul/Hortsystem. Auch, wenn sie dort z.T. schon festlegen können, was sie da machen, ist der Rahmen doch sehr vorgegeben. Das kostet auch Kraft und führt beim Hasen eher dazu, dass er gerne den Rest des Tages in den Tag hineinleben möchte. Gleichzeitig aber noch so viel offen ist, was er machen will. Auch hier eine kognitive Dissonanz. Und das macht es dann schwerer sich auf was festzulegen, weil es ja noch limitierter ist.

Wir haben fast am "Ende" mehr Probleme: Kind entscheidet sich NICHT was zu gucken (wir kommunizieren Zeit und wieviel noch möglich wäre sehr klar), sondern z.B. zu lesen, aber wenn dann Schlafenszeit ist, dann ist er todunglücklich, weil er nichts mehr gucken kann. Und dass er SCHULD ist, ist für ihn dann noch schlimmer, als wenn wir das entschieden hätten. Aber wie gesagt, es ist besser.

Beim Anziehen nehme ich jetzt die Sachen raus (da war es aber nie so ein Problem) und er könnte Veto einlegen, aber tut es eher selten.

(Was ich aber mit dem Brexit-Beispiel auch meinte: Das fällt selbst Hunderten von Erwachsenen anscheinend schwer sich für nicht entscheiden zu können.)
Katha mit dem Hasen *01/2012
"Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, Denn sie haben ihre eigenen Gedanken." Khalil Gibran[/color]

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EliseG
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Re: Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

Beitrag von EliseG »

Ich habe auch gelernt, dass es nicht immer gut ist, Kinder vor Entscheidungen zu stellen. Ich lass meiner Tochter inzwischen frei, ob sie sich was zum Anziehen raussucht. Hat sie das bis zum Zeitpunkt xy nicht geschafft, dann hol ich etwas. Teile davon will sie dann häufig auch nicht, sucht sich dann aber komischerweise recht gezielt das, was sie gerne anzieht.
Der Mittlere macht mal so, mal so. Wenn ich ihm was rauslege, zieht er das häufig an, manchmal aber zb einen anderen Pullover oder doch lieber was wärmeres. Der Große lässt mir da nicht viel Mitspracherecht (und das ist gut so), höchstens er liegt noch im Bett und ich stehe beim Kasten, dann darf Mama was rüber werfen.

Sie stehen dann unter tags immer wieder davor, Dinge entscheiden zu müssen. Und wenn es nur ist, welchen Stift nehme ich für Bild a. Oder mache ich erst Nummer x oder doch lieber Nummer y? Das können sie also meist schon. Sehen tut man es dann zb bei Schularbeiten, wo sie beginnen, zuerst die Nummern zu lösen, die sie ganz sicher können. Erst dann das, was evtl. noch schwieriger ist.
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schlangengurke
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Re: Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

Beitrag von schlangengurke »

Ich bin (gerade) der Meinung, weniger Entscheidungen gehen nicht. Wenn ich für sie entscheide, dann bleibt ihr immer noch die Entscheidung, ob sie das akzeptiert. Oft nicht, und dann muss sie sich noch mal entscheiden, was sie denn nun tatsächlich anzieht, um jetzt mal bei dem Beispiel zu bleiben.
Später mehr.
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Katha
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Re: Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

Beitrag von Katha »

War auch mein erster Impuls, als ich das gelesen hatte.
Ich kann es gerade nicht besser beschreiben. Ich versuche es übers WE nochmal.
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Re: Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

Beitrag von schlangengurke »

Also ich habe noch mal nachgedacht, und weiß einfach nicht, wie ich die Anzahl der Entscheidungen reduzieren kann. Ich bin mal spontan vom Spielplatz los und bin mit einem Eis für jede wiedergekommen. Was war das für ein Geschrei, weil sie nicht aussuchen konnten. (Abgesehen davon war ich auch erst mal ganz schön enttäuscht, weilich dachte, sie freuen sich, was die Situation nicht verbessert hat.) Da waren sie aber jünger.

Ich biete schon immer an, für sie auszuwählen, oder eine Vorauswahl zu treffen, weil ich ja ihren Geschmack recht gut kenne, aber das wollen sie allermeist doch nicht.
Ich weiß, dass ich sie früher, als sie kleiner waren, zu oft vor die Wahl gestellt habe. Habe ich da irgendwas kaputt gemacht? Irgendwann habe ich gemerkt, dass es sie überfordert. Aber jetzt kann ich nicht mehr so einfach Optionen reduzieren. Selbst wenn ich sagen würde, ich lade euch auf ein Spaghetti-Eis ein, gäbe es im Eiscafé sicher lange Diskussionen und Verzweiflung ob der Auswahl. Oder soll ich dann sagen Spaghettieis oder nichts?
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RedsMama
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Re: Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

Beitrag von RedsMama »

Entscheidungen sind total fiese Dinge.

Schau mal: immer, wenn du dich entscheiden müsst, musst du dich nicht FÜR etwas etscheiden, sonderg GEGEN alles anderes. Und wenn du ein fantasievoller Mensch bist, der gerne das Potential in alles sieht, dann können Entscheidungen zur Tortur werden. Auch in den kleinen Dingen, selbstverständlich! Frag mich um 8 Uhr zuhause, was ich um 16 Uhr bei der Arbeit angezogen haben möchte: Keine Ahnung, ich bin doch keine Hellseherin :lol: Oder frage mich, welche Eissorte ich haben möchte, als mir 20 Sorte aus der Theke ansprechen. Puh! Gemeiner geht doch kaum :wink: Und dann sag mir noch "komm, du muss dich entscheiden!" ARGH! Diese Finalität, diese Endgültigkeit ist es, was Entscheidungen so schwierig und auslaugend macht.

Und ich glaube auch, dass sich ständig entscheiden zu müssen, zu einer Art Entscheidungsmüdigkeit führt. Dazu kommt, dass in unsere Gesellschaft Entscheidungen zu treffen als etwas sehr erstrebenswert gesehen wird.

Aber: und wenn diese Endgültigkeit entschärft werden könne? Wenn ich mich nicht immer DEFINITIV entscheiden musste? Dann sieht es schon ganz anders aus! Ein Paar Beispiele:

- Morgens: wenn deine Kinder sich nicht zwischen zwei Pullis (oder drei) entscheiden können, wie wäre es dann, wenn sie einen auswählen und die andere zwei einpacken? Dann können sie sich umziehen, falls es ihnen danach ist.

- wenn sie sich zwischen zwei Sorte Eis nicht entscheiden können, wie wäre es mit klein kleinere Kügel statt eine normale? Oder zwei normale für zwei Personen? Oder was anders?

- Als wir das Haus gekauft haben, ging es meinem Mann manchmal so lala - großes Kredit, sich festelegen zu "müssen", etc. Man könnte förmlich sehen, wie sich seine Gesichtsausdruck entspannt hat, als ich ihm sagte "aber Schatzi, wenn uns nicht mehr gefällt, verkaufen wir es doch und ziehen woanders ein!" Klar ist es keine Sache von 5 Minuten: aber es ist machbar. Fast alles ist machbar, nur dieser Druck, um eine gefühlte endgültige Entscheidung zu treffen ist es, was uns wirklich beschäftigt.

Deswegen schlage ich vor, dass du versuchst, nicht die Entschendungen als solche zu reduzieren, sondern das Gefühl der Endgültigkeit bei jedem einzelne. Fragt deine Kinder, warum sie sich nicht entscheiden wollen, aus dieser Perspektive. Vielleicht hilft euch das. Es war zumindest mein Ansatz :)
Liebe Grüße
R.

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RedsMama
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Re: Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

Beitrag von RedsMama »

schlangengurke hat geschrieben: 16.04.2019, 21:14 Also ich habe noch mal nachgedacht, und weiß einfach nicht, wie ich die Anzahl der Entscheidungen reduzieren kann. Ich bin mal spontan vom Spielplatz los und bin mit einem Eis für jede wiedergekommen. Was war das für ein Geschrei, weil sie nicht aussuchen konnten. (Abgesehen davon war ich auch erst mal ganz schön enttäuscht, weilich dachte, sie freuen sich, was die Situation nicht verbessert hat.) Da waren sie aber jünger.

Ich biete schon immer an, für sie auszuwählen, oder eine Vorauswahl zu treffen, weil ich ja ihren Geschmack recht gut kenne, aber das wollen sie allermeist doch nicht.
Ich weiß, dass ich sie früher, als sie kleiner waren, zu oft vor die Wahl gestellt habe. Habe ich da irgendwas kaputt gemacht? Irgendwann habe ich gemerkt, dass es sie überfordert. Aber jetzt kann ich nicht mehr so einfach Optionen reduzieren. Selbst wenn ich sagen würde, ich lade euch auf ein Spaghetti-Eis ein, gäbe es im Eiscafé sicher lange Diskussionen und Verzweiflung ob der Auswahl. Oder soll ich dann sagen Spaghettieis oder nichts?
Hier würde ich sagen, wenn ich sehe, dass sie verzweifelt sind, dass sie einen auswählen können, und dass wir in x tage wiederkommen und sie sich einen anderen nehmen können. Das mache ich häufig mit dem Weltenbummler, und es klappt relativ häufig.
Liebe Grüße
R.

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Re: Kann man üben, Entscheidungen zu treffen?

Beitrag von Katha »

Die Vorschläge von RedsMama machen wir auch zum Teil so.
Aber wir müssen auch immer wieder die Endgültigkeit für den Tag zumindest betonen. Also nochmal auf die Schwelle achten: Wenn du jetzt dagegen entscheidest, dann geht es heute nicht mehr. Erst wieder morgen.
Beides ist eine recht klare Kommunikation darüber, was die Entscheidung BEDEUTET. Eben weder der Untergang des Abendlandes noch, dass die Entscheidung gar keine Auswirkungen hat.

irgendwie kriege ich das nicht gut formuliert bzw. nicht mehr ganz auf die Reihe, was wir geändert haben, damit es weniger Entscheidungen sind.

Ich denke, was ganz wichtig war für den Hasen, war, dass er das Gefühl hat das Setting generell mitbestimmen zu können. (Das konnte er zwar immer schon mit...)
Vielleicht, dass wir klarer offen legen, warum wir manche Sachen zu viel finden. Wir haben z.B. die Ausflüge, die uns allen dreien viel Spaß machen, deutlich zurückgefahren. Das wir klarer damit sind, hilft ihm jetzt auch diese Entscheidung GEGEN etwas, aber FÜR etwas anderes (mehr Erholung und Ruhe z.B.) klarer für sich treffen zu können.
Also wenn die Entscheidung Spielplatz oder Zuhause rumschlumpfen von ihm getroffen wurde, dann ist er dann beim Rest toleranter.
Zu so was wie Flohmarkt lasse ich ihn nur noch recht selten mitgehen z.B., das ist einfach zu überbordend.

Ich weiß nicht, ob das verständlich war.
Ich denke nochmal drüber nach, wo ich das recht prägnant gelesen habe.
Katha mit dem Hasen *01/2012
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