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Re: "heilt" stillen die seelische Kaiserschnittnarbe?

Verfasst: 30.05.2018, 14:54
von sardine
Das getrennt sein war für mich auch mit das schlimmste! Die ersten 24h im Leben seines Kindes zu verpassen ist aber auch traumatisierend, da lass ich mir nichts anderes einreden, von wegen ich solle doch froh sein dass es uns gut geht! Wobei ich das natürlich auch bin aber ich kann ja trotzdem auch eine Menge aufzuarbeiten haben! Also manche Reaktionen muss man echt nicht verstehen!

Den Satz "sei doch froh, ich hätte so gerne einen Kaiserschnitt gehabt" war mein persönlicher "Favorit" :evil:

Re: "heilt" stillen die seelische Kaiserschnittnarbe?

Verfasst: 30.05.2018, 21:25
von kaktus030
Liebe Alice,
Das hört sich wirklich nach einer sehr stressvollen und Vorallem unruhigen Zeit an! Und ich wünsche Dir, das Du und 'die Kröte' in den kommenden Wochen etwas Ruhe zum kennenlernen und beschnuppern, kuscheln und kennenlernen finden könnt! (Soweit das im Trubel mit zwei großen Kindern möglich ist!)
Hast du derzeit Unterstützung? Und hast du eine Hebamme?

Hmm...auch die Geburt meiner zweiten Tochter lief komplett anders, als wie ich es mir vorstelle!
In meiner Vorstellung wären mein Mann und ich ins Krankenhaus gefahren, wenn es eben 'losgegangen' wäre. Und im Idealfall wäre ich nach einigen Stunden mit dem Mini-Baby wieder nach Hause, ins eigene Bett/Nest gegangen...
Wäre... ging aber nicht! :-(
In der 24. Schwangerschaftswoche stellte die Gyn fest, das mein Bauchbaby plötzlich nur eine Herzfrequenz von 52-57 bpm hat. (Drei Wochen zuvor war alles ok! Und das Baby bewegte sich nach wie vor fleißig).
Wir wurden direkt zum Krankenhaus weitergeleitet und es stand für die Ärzte sofort fest, das das Bauchbaby trotz der Herzfrequenz nicht in Gefahr war, aber weitere engmaschige Beobachtung bedarf und das die Entbindung via Sectio im Bestfall geplant (im schlimmsten Fall kurzfristig) erfolgen muss und das eine Operation möglicherweise ansteht .

Das Bauchbaby hat gekämpft und so konnte der Termin zur Entbindung auf die 38+4 Woche gelegt werden. D.h. Sie wurde (nach Berechnungen) reif geboren.
Wir durften uns im Kreissaal kurz 'begrüßen'... kurz heißt es waren vielleicht 1-2 Minuten ehe sie abgenabelt wurde und sie in den Nebenraum gebrach wurde für weitere Untersuchungen.
Kurz zusammengefasst: Sie lag auf der NeoIntensivstation, ich auch der Wöchnerinnenstation. Der interne Krankenhaustransport musste mich jedesmal hoch bringen... ich hab sie ein oder zweimal anlegen dürfen! Und es machte mich so Glücklich zu sehen, dass sie genau weiß wie das Stillen läuft!!
Aber zeitgleich war auch die Angst um Ihr Leben und um den weiteren Verrlauf so groß, dass dieses Glücksgefühl nur sehr kurz da war... und ich in den Momenten auch Angst hatte mich zu freuen!
Sie wurde nach 28Std ins Herzzentrum verlegt und operiert... es verging weitere Zeit bis sie wieder 'im gleichen Haus war'... und bis sie so stabil war, dass wir in ein gemeinsames Zimmer durften.

Wir waren mit dem Tag der Entbindung nur 12 Tage im Krankenhaus... Ängste, Kleines Glück, Hormone, körperliche Beschwerden (also die Schmerzen nach der Sectio)... und all die anderen Emotionen die hätten auch gut für ein 1/2 - 1 Jahr gereicht.

Und auch wenn die Situation anders war, als die Deinige... und auch wenn man sagen könnte, dass ich Zeit gehabt habe mich darauf emotional vorzubereiten... ich hatte (und an manchen Tageb habe) auch das Gefühl, dass das Bauchbaby (aka Fräulein Igel) und ich uns diese. weg nicht gemeinsam 'erarbeitet' haben. Dass das ganze intime kuschelige, welches die Schmerzen der Wehen 'heilt', dass das fehlte!
Ich hab geheult, weil ich eifersüchtig war auf andere Frauen die Wehen hatten! Da Wehen für mich immer 'die Kraft des gemeinsamen Weges' symbolisierten.

Es dauerte! Es dauerte bis ich mit meinem mann drüber sprechen konnte und bis ich das Gespräch mit meiner Hebamme suchte... und es dauerte bis dieses kleine Menschlein und ich 'wieder eng' miteinander wurden.

Trotz der Zufütterung im Krankenhaus hab ich ihr ab Tag 6 fast Stündlich die Brust angeboten (davor stritt ich mich ein bisschen mit den Schwestern über die Zufütterung)
und ja, das stillen heilte ein bisschen die Wunden!

Zu Hause fordere mein Kind soviel Körperkontakt, das ich sagen kann: sie lebte ab dann auf und an mir!
Unsere erste Tochter war schon sehr Körpernah, aber dieses kleine Minibaby entspannte nur auf mir liegend!

Im Krankenhaus sagte man mir, ich darf sie noch nicht im Tragetuch tragen... Kinderwagen fahren war ein Graus! Bis ich an Tag 26 bei einer Nachuntersuchung den Chirugeb direkt fragte. Er sagte ich darf Sie sofort ins Tragetuch nehmen, wenn sie es mag! Es wäre von Anfang an möglich gewesen.
Zwei Stunden später saß sie das erstmal im Tragetuch! Und wenn sie nicht auf oder an mir lag, war sie im Tuch bei mir! (Bei Papa wollt sie nie ins Tuch, Bzw protestierte) heute ist sie 7,5 Monate... den Kinderwagen nutzten wir ab dem Tag noch zwei mal!

Ich habe jeden Tag mehr das Gefühl, dass wir zusammen wachsen! Das die Bindung wächst!

Und ich bin noch nicht 'rein' mit dem drum herum der Geburt! Aber es wird besser! Mit jedem Mal wo ich es erzähle und mit jedem Tag wo sie mich anlächel fällt es mir leichter die Situation wieder ein Stück weit anzunehmen.
Ich versuche ruhige Momente mit ihr bewusst zu erleben, zu genießen... und dann ist es ihr Atem... oder das Geräusch wenn sie an etwas krazt, wenn sie gluckst oder oder oder was mir sagt 'Du kleiner Mensch! Du bist aus meinem Bauch! Und ja unser Start war nicht schön, und darum bin ich heute um so mehr froh, dass du bei mir bist und das wir unseren Weg gehen!'

Hmm... es ist ein bisschen viel Text geworden. Dabei hab ich schon versucht mich kurz zu fassen ;-)

Ich wollt noch sagen, dass bei uns das Tragen sehr wichtig geworden ist und das neben dem Stillen für uns einen heilsamen Effekt hat!!

Und ich glaube auch, dass du darüber nachdenkst und dass Du es hier zu Deinem Athens gemacht hast, ist ein Prozess der Verarbeitung. Was meinst Du?

Ich sende Dir liebe Grüße und wünsche Dir und 'der Kröte' viel Ruhe und Zeit!!!

Re: "heilt" stillen die seelische Kaiserschnittnarbe?

Verfasst: 30.05.2018, 22:51
von schlangengurke
Reh hat geschrieben: 30.05.2018, 11:57 Nusserl, gerade bei dramatischen Verläufen ist der Mann leider nicht immer der richtige Ansprechpartner :( wann immer ich das Thema anspreche, heißt es nur "Ich bin einfach nur froh, dass ihr da beide gesund raus gekommen seid!" Und bei uns war es lange nicht so dramatisch wie bei Alice Löwenzahn.
Andere Mütter halte ich für schwierig, ich habe bis jetzt nur gehört "Hauptsache gesund, der Rest ist doch egal/ den Rest vergisst man dann" :|
Das kenne ich auch und hat mir überhaupt nicht geholfen. Klar weiß ich dass "alle gesund" das wichtigste ist. Trotzdem hatte ich keine Geburt, nur eine blöde OP. Ich bin heute noch sauer drauf.

Re: "heilt" stillen die seelische Kaiserschnittnarbe?

Verfasst: 31.05.2018, 17:22
von schattenhexe
Oh solche Sprüche sind immer zum Reinschlagen, find ich ebenfalls! Vor allem glauben diejenigen es nicht mal selbst, wenn man mal etwas genauer nachbohrt. Die quatschen einfach den Nonsens nach, der ihnen erzählt wird/den sie hören und reden es sich schlicht und ergreifend selbst ein - muss ja so sein, sonst würde sie ja stattdessen auch jemand ernst nehmen und nicht sonen Spruch bringen. Ich find das immer wieder äußerst traurig, denn damit ist niemandem geholfen. Das gleiche bei Fehlgeburten und Co, man redet nicht drüber, das wird schon nochmal klappen, hat halt nicht sein sollen *schnaub* So funktioniert die Seele nur leider nicht. Offen drüber reden, wenn es einem hilft (und ich behaupte das hilft IMMER), und im Zweifelsfall einfach nur zuhören. Mehr braucht es da meist erst mal gar nicht. Aber das alleine ist so wichtig...

Re: "heilt" stillen die seelische Kaiserschnittnarbe?

Verfasst: 31.05.2018, 21:21
von AliceLöwenzahn
Ihr lieben, vielen dank für eure lieben Worte und eure Beiträge. Es tut gut zu hören, dass man nicht allein ist mit einem schweren Geburtserlebnis (auch wenn ich natürlich jeder von uns eine wundervolle Geburt gewünscht hätte). Und es beruhigt mich zu hören, dass durch das Stillen doch mit der Zeit die verpasste erste Nähe nachgeholt werden kann.
Was ich bei meiner Kröte als besonders schön empfinde ist, dass ich mich auf jedes Stillen freue. Ich habe auch meine großen gerne gestillt aber diesmal ist es emotional wesentlich wichtiger für mich. Noch einen trost habe ich darin gefunden, wie uneingeschränkt meine Kinder ihre kleine Schwester lieben. Mein 3,5 jähriger steht am Babybett und sagt " unsere Kröte,unser wunderbares Baby". Dann wird mir immer wieder klar, dass es das gleiche Kind ist, das ich auch hier zu hause geboren hätte, an ihr wäre nichts anders, ich wäre nur anders. Und in guten wenn auch seltenen Momenten fühle ich auch schon die ganz große liebe.
Nett ist auch der kindlicher Ärger, da meine Kinder ja auch die Geburt verpasst haben. Sie gehen da so offen mit um und ich darf mich tatsächlich bei meinen 2 Kindergartenkindern darüber beschweren wie wütend ich über das geschehene bin. Mein 5 Jähriger sagt z.B. " die bösen Bakterien haben das Blut vergiftet aber die Kröte und du, ihr habe gewonnen". Sehr lieb finde ich das...
Leider fragen die beiden mich auch ständig ob sie nochmal gucken dürfen wo der Bauch aufgeschnitten wurde, das macht mich dann wieder traurig. An die Narbe, die immer noch so dick ist und schmerzt werde ich noch nicht so gerne erinnert. Ich hoffe dass die Schwellung bald mal zurück geht und die Berührungsempfindlichkeit nachlässt.
Man hat mir im Krankenhaus nach der OP angeboten, dass ich mich nach 1oder2 Monaten gerne melden kann wenn mit der Kaiserschnitt emotional zu schaffen macht. Jetzt frage ich mich ob ich das tun soll...habe etwas Angst das Krankenhaus wieder zu betreten. Das würde den ganzen Schreck nochmal so auffrischen...Hat eine von euch so ein Gespräch gehabt?

Re: "heilt" stillen die seelische Kaiserschnittnarbe?

Verfasst: 31.05.2018, 21:25
von AliceLöwenzahn
schlangengurke hat geschrieben: 30.05.2018, 22:51
Reh hat geschrieben: 30.05.2018, 11:57 Nusserl, gerade bei dramatischen Verläufen ist der Mann leider nicht immer der richtige Ansprechpartner :( wann immer ich das Thema anspreche, heißt es nur "Ich bin einfach nur froh, dass ihr da beide gesund raus gekommen seid!" Und bei uns war es lange nicht so dramatisch wie bei Alice Löwenzahn.
Andere Mütter halte ich für schwierig, ich habe bis jetzt nur gehört "Hauptsache gesund, der Rest ist doch egal/ den Rest vergisst man dann" :|
Das kenne ich auch und hat mir überhaupt nicht geholfen. Klar weiß ich dass "alle gesund" das wichtigste ist. Trotzdem hatte ich keine Geburt, nur eine blöde OP. Ich bin heute noch sauer drauf.
Ich musste mir auch schon anhören " ist doch egal ob durch die Scheide oder dem Bauch, hauptsache das Kind ist draußen und gesund". Komisch aber vielleicht fühlen manche Frauen das auch so und meinen es nichtmal böse...

Re: "heilt" stillen die seelische Kaiserschnittnarbe?

Verfasst: 01.06.2018, 09:26
von kaktus030
AliceLöwenzahn hat geschrieben: 31.05.2018, 21:25
Ich musste mir auch schon anhören " ist doch egal ob durch die Scheide oder dem Bauch, hauptsache das Kind ist draußen und gesund". Komisch aber vielleicht fühlen manche Frauen das auch so und meinen es nichtmal böse...
Hmm... vielleicht ist es manchmal auch die Unbeholfenheit des Gegenübers...
Klar, das hilft in diesem Moment absolut garnicht! Leider haben viele Menschen das Bedürfnis zu allem etwas sagen zu müssen :-(

Das Deine großen Kinder fragen find ich toll! Sie wollen verstehen!
Meine Große wollte auch ganz genau wissen wie das Frl.Igel aus dem Bauch kam und was daran anders war als an ihrer Geburt (überhaupt war das Thema Geburt hier ein großes Thema).

Und das sie 'die kleine Kröte' ansehen, sich freuen und sie bewundern... wie wunderbar!

Zum Gespräch:
Ich hatte einige Tage nach der OP ein sensibles und sehr emotionales Gespräch mit dem Gyn in welchem er mir nochmal genau schilderte was passiert ist.
Und wir waren aufgrund der nicht ganz optimalen Narbenheilung vom Baby, sowie den ersten Nachuntersuchungen noch mehrfach inmdiesem Krankenhaus.
Die ersten Male war es schrecklich! Die Anspannung war wieder da... das Gefühl ich geb meine Gefühle am Eingang ab und muss jetzt ganz rational sein, muss funktionieren, muss die Verantwortung für mein Kind und sein Leben an die Fachleute abgeben und gleichzeitig aufmerksam sein um auch alles zu verstehen, muss da durch... all das kam jedes Mal wieder hoch.
Ich hatte dann nach ca 4/5 Wochen ein Gespräch mit der Elternberatung der Neostation und nach ca 8-11 Wochen nochmal ein sehr gutes Gespräch mit meiner Hebamme.
Und mir haben diese Gespräche in sofern geholfen, dass ich sagen konnte, dass ich damit nicht einverstanden bin/er wie es gelaufen ist... und das mit all den Tränen, der Wut und der Enttäuschung! Ohne das ich das Gefühl hatte ich muss nun 'ganz stark'' sein.
Ich hab mich angenommen Gefühlt in der Situation.
und als meine Hebamme meinte dass 'es eben nicht egal ist wie wir gebären' 'und jede Geburt ist anders!' hat das bei mir ein wenig die Tür geöffnet, dass ich das was passiert ist zumindest ein Stück weit besser annehmen kann.

Also kann ich sagen, dass mir das darüber reden mit Menschen die nicht meine Freunde oder meine Familie sind schon geholfen hat.

Hmm... ich hatte bei diesen beiden Terminen auch nicht das Gefühl ich MUSS nun unbedingt reden. Es war zwanglos und eher ein Angebot. Ich glaube wäre mir in der Situation unwohl gewesen hätten wir uns über etwas anderes unterhalten oder ich hätte gehen können.