Hallo sammie5,
ich will jetzt den Thread hier gar nicht so vom Ursprungsthema abbringen, aber es ging ja um die Frage des Schlafarrangements, darum:
sammie5 hat geschrieben:Mir ist bewusst, dass das Alleine-Schlafen ein Risikofaktor für SIDS ist. Allerdings halten wir alles andere ein (Nichtraucher, 16-19°C, Schlafsack, keine Kissen oder Kuscheltiere usw.). Da es nur ein Faktor ist, nehmen wir den in Kauf, da er ja besser schläft. Ich denke, auch beim Familienbett (bitte niemand soll sich angegriffen fühlen! Darf jeder so halten, wie er möchte), wird auch der Faktor, dass das Kind in einem eigenen Bett im Schlafzimmer der Eltern schlafen soll, ignoriert. Deshalb denke ich, dass wir alles dafür tun, dass es ihm gut geht.
[Allem voran: SIDS ist ja nun Gott sei Dank kein Massenphänomen und immer, wenn man das Thema bespricht, sollte klar sein, dass wir hier natürlich über
Einzelfälle sprechen. Da diese aber eben für jeden Betroffenen so tragisch sind, ist es natürlich wichtig, dass darüber gesprochen und geforscht wird. Ich will trotzdem nicht so wirken, als ob ich Panik machen möchte

- das ist mir wichtig zu betonen.]
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Ich weiß, dass es in offiziellen Empfehlungen immer wieder so klingt, als sei es per se ein Risikofaktor mit seinem Baby das Bett zu teilen. Das stimmt aber nicht!
Wenn Kriterien sicheren Co-Sleepings erfüllt werden (Link weiter unten)
und KEINE weiteren Risikofaktoren auf die Betreuungsperson zutreffen (die Person also wirklich die Mutter und nicht der Babysitter ist, die Schlafumgebung sicher gestaltet wurde, die Mutter stillt, kein neben dem Baby liegendes Elternteil raucht, alkoholisiert ist/unter Drogeneinfluss steht o.ä. und das Baby gewohnheitsmäßig im Familienbett schläft - und nicht nur ausnahmsweise),
dann ist Bed-Sharing KEIN Risikofaktor für SIDS
. Im Gegenteil lässt sich ab spätestens dem Alter von drei Monaten sogar ein protektiver Effekt des Elternbetts feststellen. Bis zum Alter von drei Monaten ist es neutral zu "Kind im Elternzimmer im eigenen Bett", wohingegen "Baby im eigenen Zimmer" das Risiko erhöht.
Dass dennoch die Empfehlung meistens schlicht lautet
"im ersten Jahr eigenes Bett, auf jeden Fall aber im Elternzimmer" hat zwei Gründe (von Erziehungsidealen wie "Erziehung zu früher Selbständigkeit" o.ä. mal ganz abgesehen, die da sicherlich auch lange Zeit mitgeschwungen haben dürften):
Zum einen ist es der schlecht differenzierenden älteren Forschung geschuldet (früher zählte man alles zu Co-Sleeping, wo ein schlafendes Baby und ein Erwachsener irgendwie irgendwo zusammen eingeschlafen waren - und sei es der angetrunkene Babysitter mit dem Baby auf einem Sessel - ohne weitere Risikofaktoren wie Schlafumgebung, Rauchen etc. gesondert zu betrachten).
Zum anderen ist es ein
Kompromiss, den man der besseren Kommunizierbarkeit der Regeln halber eingeht. Zu viel "wenn Sie..., dann sollten Sie ...; wenn sie hingegen..., dann sollten Sie lieber..." ist der Prägnanz von allgemeingültigen Empfehlungen abträglich und birgt zu viele Fehlerquellen (zumal z.B. erstaunlich viele Babyeltern rauchen und dies vielleicht nicht offen zugeben würden).
Also trifft man sich in der Mitte:
Man verliert bei "eigenes Bett im Elternzimmer" zwar den protektiven Effekt der elterlichen Bewegungen auf die Erweckbarkeit des Babys (wenn sich die Eltern bewegen, bewegt sich auch das Baby, wenn beide auf der gleichen Schlafunterlage liegen), aber man behält den protektiven Effekt der elterlichen Atem- und Schlafgeräusche, die verhindern, dass das Baby zu weit in den Tiefschlaf gerät und schwerer zu erwecken ist.
Flacher Schlaf und leichtere Erweckbarkeit sind aus Sicht der SIDS-Vorbeugung
erwünschtes Babyverhalten!
Nebenthema: Auch gestillte Babys schlafen "flacher" und wachen statistisch gesehen häufiger auf als flaschengefütterte (wenn nicht gestillt wird, kann man diesen Effekt bei der Verwendung von Schnullern beobachten, weshalb dann auch der Schnullernutzung zum Einschlafen ein SIDS-protektiver Effekt zuerkannt wird), wohingegen "Aufstehen und in ein anderes Zimmer gehen müssen um das Baby nachts zu stillen" die Wahrscheinlichkeit, dass im ersten Lebensjahr erfolgreich gestillt wird, eben wiederum senkt (was auch wieder Einfluss auf die Infektanfälligkeit des Kindes hat, die ebenfalls das SIDS-Risiko erhöht...).
sammie5 hat geschrieben:Er ist auch sehr gerne in dem Raum, in dem wir sind, er schläft aber trotzdem besser in seinem Zimmer. Gestern schaffte er 9 Stunden am Stück (das erste Mal).
Krümelmonster0707 hat geschrieben:Unsere Kinder schliefen jeweils auch im eigenen Zimmer besser.
Ja, das sind keine Sonderfälle, sondern das lässt sich allgemein statistisch so nachweisen. Alleinschlafen von Babys führt durchaus bei vielen zu
tieferem Schlaf und längeren Schlafphasen. Aber - auch wenn es unlogisch klingt

- genau das
gilt es eigentlich zu vermeiden in dem zarten Alter (also unter einem Jahr - mindestens aber im ersten halben Jahr).
Das hat nicht nur mit SIDS zu tun sondern auch mit der im ersten Jahr sprunghaften Gehirnentwicklung, für die Menschenbabys (als ja sehr unreif geborene Wesen: aufrechter Gang + großes Gehirn bedingen das)
rund um die Uhr Nachschub an Nahrung brauchen. Und zum Leidwesen heutiger Eltern sorgt das evolutionär gesehen eigentlich sinnvolle und elternorientiert gedachte "Baby stillt lieber nachts ausgiebig als tagsüber - denn da lagern Nomaden und haben die Ruhe dafür" nun auch noch dafür, dass Babys zum Stillen die Nacht bevorzugen (da wird auch das meiste Prolaktin ausgeschüttet und die Milchbildung am meisten angeregt).
Babys im Nahbereich der Mutter (das kann auch das Gitterbettchen oder die Matratze neben Mamas Bett sein - aber nicht drei Meter weg am anderen Schlafzimmerende)
werden nachts häufiger gestillt als Babys, die nachts nicht im Nahbereich der Mutter sind.
Klingt jetzt alles nicht sonderlich attraktiv, das räume ich ein
. Aber das "im Nahbereich der Mutter Schlafen" bringt versöhnlicherweise wenigstens mit sich, dass die Schlafphasen von stillender Mutter und Baby sich synchronisieren, so dass die Mutter fast nie mitten aus dem Tiefschlaf geweckt wird, da sie ebenfalls leichter schläft, wenn das Baby leichter schläft und sich der nächsten Stillzeit nähert. Da man schon auf das erste Schmatzen und Suchen reagieren kann, wird das Baby zudem auch nicht so wach als wenn es sich lautstark bemerkbar machen müsste, so dass alle leichter weiterschlafen. Die Stillhormone tun ihr übriges, da sie das Wiedereinschlafen erleichtern.
Das bewahrt ganz sicher nicht vor einer Menge von "argh!"-Nächten, bis das Baby um den zweiten Geburtstag herum dann dauerhaft zum Durchschläfer wird

*seufz*, aber ich hab mich immer damit getröstet, dass die Natur es nunmal so eingerichtet hat und unsere Babys nichts dafür können, dass wir nicht mehr leben wie in der Steinzeit, in der Babybedürfnisse und Elternalltag einfach noch besser zusammenpassten.
Eigentlich ist das ganze Thema einen Extra-Thread wert, merk ich

. Ich mach hier mal Schluss und lasse nur noch paar Links da:
Zu sicherer Schlafumgebung beim Co-Sleeping:
Info-Artikel der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur sicheren Schlafumgebung (die Kriterien für sicheres Co-Sleeping sind hier gut zusammengestellt, auch wenn ich mit anderen Empfehlungen der BZgA zu Babythemen nicht immer konform gehe

)
Zum Thema SIDS-Risiko im Familienbett und zur nächtlichen Nahrungsaufnahme/evolutionär sinnvollen Schlafverhalten von Säuglingen zwei Artikel von Renz-Polster, die das gut (und vor allem im Vergleich zu vielem anderen
auf deutsch) zusammenfassen:
Neues zum plötzlichen Kindstod
Schlafprobleme aus Sicht der Evolution
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Um es abschließend nochmal zu sagen: das SIDS-Risiko bewegt sich heutzutage ja im niedrigen Promille-Bereich (nicht Prozent!). Das ist hier also alles nicht als Panikmache oder Vorwürfe oder "man muss unbedingt A und darf keinesfalls B" oder ähnliches gedacht. Aber ich lese immer wieder so viel (verständliche!) Begeisterung aus Berichten von Eltern heraus, die erzählen, dass ihre zwei, drei, vier, ... zehn, elf Monate alten Babys im eigenen Zimmer so viel besser/länger/tiefer schlafen und man sie deshalb dauerhaft ausquartiert habe, dass es mir immer wieder Bauchschmerzen macht. Im normalen Leben verkneife ich mir das "Naja, aber..." normalerweise völlig (es sei denn, es geht um Schlaflernprogramme - da sag ich schon eher was!), aber hier im Forum hab ich mich jetzt mal getraut.
Gerade auch weil ich weiß, dass immer wieder Eltern denken, dass sie mit ihrem Familienbett ein erhöhtes SIDS-Risiko eingehen würden - nur weil sich die Erkenntnisse pro Familienbett in offiziellen Empfehlungen oft (aus verständlichen Gründen) nicht 1:1 niederschlagen.
LG, blueberry