Re: Langzeitstillen
Verfasst: 15.04.2015, 22:09
Oh ja, ich auch! Dein Schreibstil, Jusl, fasziniert mich immer wieder!Mutterhenne hat geschrieben:Vielen Dank auch von mir - lese Dich ohnhin immer sehr gernchanna hat geschrieben:Danke Jusl, toller Beitrag!jusl hat geschrieben:Hallo snafu,
in KEINER mir bekannten Stillfachpublikation wird eine Empfehlung für vorzeitiges Abstillen auf Grund des möglichen Schadstoffgehalts der Muttermilch ausgesprochen. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem Nachteile die Vorteile des Stillens überwiegen - aus dem einfachen Grund, dass es keine solche "Nachteile" gibt.Denn anstatt der Muttermilch würde Dein Kind ja etwas anderes zu sich nehmen, und auch dieses etwas stammt aus der gleichen Umwelt wie Du und weist entsprechend einen gewissen Schadstoffgehalt auf.
Die Schadstoffbelastung der Muttermilch ist hierzulande seit vielen Jahren rückläufig (aufgrund von allgemeinen Umweltschutzmaßnahmen). Es gibt keine Hinweise darauf, dass mehrjähriges Stillen in irgendeiner Weise schädlich fürs Stillkind oder die Mutter wären.
In ALLEM sind Schadstoffe drin. Man bekommt Schadstoffe ab, wenn man eine Stunde in der Innenstadt herumläuft (ganz besonders an nebelig-kalten Wintertagen). Ein Wohnzimmer voll mit schwedischen günstigen Möbeln trägt ebenfalls zur Schadstoffbelastung bei, genau wie Kleidung, die für die gängigen großen Ketten hergestellt wurde. Davor kann man sich und seine Kinder nicht komplett schützen.
Bekannt sind folgende Zusammenhänge:
* Die Schadstoffkonzentration der Milch nimmt im Laufe der Stillzeit immer AB. Also: je LÄNGER gestillt wird, desto geringer die Schadstoffkonzentration. Ebenso von Kind zu Kind. Die meisten Schadstoffe kriegt damit das erste Baby in den ersten Lebenswochen ab (also wenn das Stillen noch völligst akzeptiert und allerseits - selbstverständlich auch völlig zu Recht - empfohlen wird.)
* Fleischesser nehmen statistisch gesehen mehr Schadstoffe auf als Vegetarier, weil das Fleisch selbst relativ schadstoffhaltig ist, und je fetter (Wurst, Krustenbraten usw) desto mehr.
* Je älter die Mutter, desto höher die Schadstoffkonzentration in ihrem Körper.
Die Schadstoffexposition im beruflichen Umfeld spielt auch eine Rolle, genauso Wohnumgebung, Rauchen, sonstiges Essen, Kosmetika, und sicher noch 100 andere Sachen.
Muttermilch ist ein sehr guter Schadstoffindikator, d.h. anhand von Muttermilchreihenuntersuchungen kann man gut beurteilen, wie die allgemeine Schadstoffbelastung bei uns aussieht. Als vor Jahren bestimmte Flammschutz- und Pflanzenschutzmittel verboten wurden, waren die postiven Auswirkungen direkt sichtbar: Sie erschienen in deutlich geringerem Maße in der Muttermilch. (wohlgemerkt: hier geht's um Forschung, die allgemeinen Umweltschutz zum Thema hat und dafür regelmäßig Tausende Milchproben untersucht, nicht um die Beurteilung EINZELNER Milchproben für bestimmte Mütter)
Fazit: Der (sehr geringe) Schadstoffgehalt der Muttermich ist kein Grund, einschränkende Maßnahmen fürs Stillen zu empfehlen. Auch die neugeborenen Kinder 42-jähriger Chemielaborantinnen, welche sich überwiegend von Cheeseburgern ernähren und gelegentlich eine rauchen, sind mit Stillen BESSER versorgt als mit künstlicher Säuglingsmilch bzw. mit vorzeitigem Abstillen.
Beim mehrjährigen Stillen sind also ausdrücklich keinerlei Gesundheitsrisiken fürs Kind zu erwarten. Aber dafür jede Menge gesundheitlicher Benefit, durch die Nährstoffe, Antikörper, Wachstumsfaktoren, Enzyme, Kuscheleinheiten...
LG
Julia
PS: Ohne besonderen Anlass, etwa starke toxische Exposition nach Chemikalienunfall am Arbeitsplatz oder sowas, ist entsprechend auch eine Untersuchung der eigenen Milch durch Landesumweltämter o.ä. sinnfrei. Weil bereits feststeht, was dabei raus kommt.!