So, heute habe ich "die dicke Anna Karenina" tatsächlich im Bus mit zur Arbeit geschleppt, um weiterlesen zu können. Ein gutes Zeichen!
Ich bin nun an der Stelle, wo Ljewin wieder auf seinem Landsitz angekommen ist.
Aber zunächst mal hat mich die Beschreibung des Balls unheimlich beeindruckt. Vor allem die Beschreibung von Anna, mal wieder. Tolstoi schafft es wirklich, dieser Figur einen ganz besonderen Reiz zu verleihen.
In den Kapiteln gibt es ja ein unheimliches Wirrwarr der Gefühle, vor allem bei Kitty. Anfangs ist sie noch so begeistert von und sogar "verliebt" in Anna, später wendet sie sich dann emotional von ihr ab, als sie die unterschwelligen Gefühle zwischen Anna und Wronskij bemerkt.
Ich bin zwar kein Freund davon, allzuviel in vorhandene Literatur hineinzuinterpretieren, aber mir kam es beim Ball diesmal doch wirklich so vor, als könne man anhand der Tänze das Auf und Ab der Gefühle und der Personen auch widergespiegelt sehen. Das fand ich unheimlich gelungen!
Sowohl Anna als auch Wronskij verändern sich ja während des Balles in ihrem Verhalten. Diese Beschreibun hier fand ich besonders eindrucksvoll:
Aber in dieser letzten Quadrille [...] traf es sich, dass sie [Kitty] Wronskij und Anna sich gegenüber hatte. Sie war mit Anna seit jener ersten Begegnung nicht mehr zusammengetroffen und sah sie nun plötzlich in einer völlig neuen und unerwarteten Gestalt wieder. Sie bemerkte jetzt an ihr die ihr selbst so wohlbekannten Anzeichen der durch den Erfolg hervorgerufenen Erregung. Sie sah, daß anna berauscht war von dem Entzücken, das sie hervorgerufen hatte. Sie kannte dieses Gefühl und kannte seine äußeren Anzeichen und bemerkte sie jetzt bei Anna - sie sah den zitternden, flackernden Glanz in ihren Augen und das Lächeln des Glückes und der Erregung, das unwillkürlich ihre Lippen umspielte, sie sah die bewußte Anmut, Sicherheit und Leichtigkeit jeder ihrer Bewegungen.
(Kapitel 23)
Und auch Wronskij reagiert anders als sonst:
Das, was Kitty so klar in dem Spiegel von Annas Antlitz gesehen hatte, das blickte sie auch aus dem seinen an. Wo war sein gemessenes, sicheres Wesen geblieben, wo der sorglos ruhige Ausdruck seiner Züge? Jedes Mal, wenn er sich zu ihr wandte, senkte er immer ein wenig den Kopf, als wolle er vor ihr niederfallen, und in seinem Blicke lag einzig und allein der Ausdruck von Unterwürfigkeit und Zagen. "Ich will ja nicht verletzen", schien jedes Mal sein Blick zu sagen, "aber ich möchte mich selber retten und weiß nicht, wie?" Seine Züge trugen einen Ausdruck, wie sie ihn nie zuvor gesehen hatte."
Hier wird nochmal Anna aus Kittys Sicht beschrieben, da merkt man langsam die "dunkle Seite" von Anna, die sich anbahnt in Bezug auf Kitty:
"Ja, es ist etwas Fremdes, Dämonisches und Verführerisches in ihr", sprach Kitty zu sich selbst.
Nun ist die Frage, ob Anna am nächsten Tag wirklich abreist, so wie sie es vorhat. So weit bin ich noch nicht gekommen.
Was mir noch aufgefallen ist: ab dem Zeitpunkt, wo Ljewin auf seinem Landsitz ankommt, ist er für mich fast wie eine andere Figur. So, als hätte er endlich wieder zu sich selbst gefunden und wäre in der Umgebung gelandet, wo er hingehört. Er verhält sich ganz anders, strahlt nicht mehr diese Unsicherheit und diese Selbstzweifel aus, das gefällt mir so viel besser. Er sollte nicht ständig versuchen, sich in der Stadt anzupassen.
Soweit erstmal von mir...wie geht es Euch anderen?
