Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

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coccolone
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von coccolone »

Marilu hat geschrieben:Da habe ich (auch hier im SuT) schon wesentlich schlüssigere und überzeugendere Texte gelesen (Coccolone, willst du nicht mal ein Buch schreiben :wink: )
:shock: :oops: Danke.

Marilu hat geschrieben: Oder die (übrigens ziemlich rassistische) Annahme, dass alle Weißen sich sicher noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt haben und daher 100% lauter grundlegend neue Erkenntnisse aus dem Buch ziehen werden, finde ich daneben.

Naja, ich werde es weiterlesen. Aber verschenken werde ich es nicht :?
Ich finde deine Meinung zum Buch sehr interessant. Ich habe mich vor der Lektuere bereits ausfuehrlich mit dem Thema auseinandergesetzt, habe aber trotzdem viele neue Erkenntnisse aus dem Buch gewinnen koennen. Noah Sows Schreibstil finde ich groesstenteils provozierend und das ist sicherlich ganz bewusst so. Mich hat es nicht gestoert. Im Gegenteil, es hat mich oft zum Nachdenken angeregt. Manchmal musste ich aber auch einfach nur schmunzeln. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass es bei weniger Interessierten Lesern nicht gut ankommt. Das finde ich zwar auch schade; frage mich aber, ob es ueberhaupt ein Buch zum Thema geben kann, das von "ignoranten" Mitmenschen dann auch wirklich gelesen wird.

Zumindest regt das Buch zur Diskussion an. Das ist doch schon mal was. Und mit allem muss man mit der Autorin ja gar nicht uebereinstimmen. ;)

Ich freue mich auf weitere Beitraege und Eindruecke zum Buch. :D

Apropos, am 18.2. findet in Muenchen eine Lesung aus dem Buch statt. (Habe im Muenchen UF einen thread dazu gestartet.)
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Marilu

Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Marilu »

So, ich bin jetzt durch und es wird noch besser :)
Ich finde schade, dass sie am Ende bei den „Verhaltenstipps“ eben das, was ich mir wünschen würde, sogar als Tipp gibt – nämlich sachlich zu argumentieren und das Gegenüber nicht vor den Kopf zu stoßen. Später im Buch tut sie es ja auch. Vielleicht verschenke ich es doch und warne vor den ersten 20 Seiten…
Ich bin mir auch immer noch nicht sicher, ob es ein stilistischer Trick ist, dass sie den Weißen immer wieder Gedanken unterstellt. Nach dem Motto „dann sehen die mal, wie es uns immer geht“. Oder ob sie das wirklich so meint. Auch im Interview mit einem schwarzen Pfarrer (?) kommt die Frage „Warum tun sich die Weißen mit xy so schwer?“ (oder so ähnlich). Da fehlt mal mindestens ein „deiner Meinung nach“ – denn woher soll der schwarze Pfarrer denn das nun wissen? Wieder so ein Punkt, an dem ich mir nicht sicher bin, ob sie die Weißen in die „angestammte“ schwarze Position rücken will, um ihren Punkt zu verdeutlichen, oder ob sie es wirklich so meint.

Und dann hab ich noch eine Frage: Sie sagt „Afroamerikaner“ sei das neue „N-Wort“ – also tabu. Aber „afrodeutsch“ verwendet sie selber. Was denn nun? Versteh ich nicht.

Und hier noch meine Gedanken zu dem Begriff „Schwarz“.
Sow sagt, die Weißen tun sich schwer das Wort „Schwarz“ auszusprechen, weil sie tief im Innern immer noch (obwohl ihnen das vielleicht gar nicht bewusst ist) „schwarz“ für was Negatives halten und es daher nicht aussprechen wollen.
Ich hab jetzt echt lange drüber nachgedacht, aber ich behaupte mal, für mich hat(te) das andere Gründe. Nämlich: Wie Sow sagt, ist es immer „Herrenrecht“, die anderen zu bezeichnen und Namen zu vergeben. Und es ist respektvoll, die selbstgewählten Begriffe zu benutzen.
Jetzt hatte ich in meinem Leben öfter Kontakt zu Schwarzen, aber noch nie hat die Hautfarbe eine so große Rolle gespielt, dass wir darüber ins Gespräch gekommen wären. Also habe ich als Weiße gar keine Ahnung, wie „die Schwarzen“ im Allgemeinen sich nennen. Einzige Quelle: Den Englischlehrer aus der Schule, der gesagt hat, die Schwarzen nennen sich „blacks“, aber nur sie selbst sich, pc sei „African American“ (von schwarzen Deutschen war natürlich nie die Rede, obwohl wir auch welche an der Schule hatten).
So. Und wenn ich nun nicht weiß, was der selbstgewählte Begriff ist, käme ich nie im Leben auf die Idee, dass das ausgerechnet „schwarz“ sein sollte. Denn schwarz ist die Haut ja wohl nicht. Bisher war ich immer der Annahme, dass die Bezeichnung schwarz bestimmt von den Weißen kam – im Kontrast zu ihrer eigenen hellen Haut. Also eiert man ein bisschen rum, weil man ja nichts Falsches sagen will, hat aber keine echten Begrifflichkeiten und vermeidet es, überhaupt was zu sagen.
Außerdem widerstrebt es mir, zu verallgemeinern. Ich werfe nicht gern alle Leute in einen Topf. Ich sage, wenn ich Leute beschreibe, auch nicht pauschal „der Weiße“, sondern so ne ganz Blonde, so ne Nordische. Oder ein südländischer Typ. Oder sieht ein bisschen arabisch aus. Ist das auch rassistisch?

Und noch ne praktische Frage – habt ihr gute Kinderbuchtipps, in denen Schwarze ganz normale Rollen spielen? Ich hätte gerne sowas für uns und für den Kindergarten unseres Sohnes.
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coccolone
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von coccolone »

Wenn ich bis heute abend nicht geantwortet habe, erinner mich doch bitte noch mal. Ich bin gerade nicht zu Hause und habe auch nicht genug Zeit, um ausfuehrlich zu antworten.

Zu den Buchtipps fuer Kinder: Die "Erstaunliche Grace" Serie von Mary Hoffman. Auf Englisch gibt's da viele verschiedene Buecher. Wie viele es auf Deutsch sind weiss ich nicht. Aber ich habe mindestens eins davon hier in der Buecherei (Kleinstadt in NRW) gesehen.

Spaeter, wie gesagt, mehr. :)
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Uta
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Uta »

So, ich habe mir das Buch gerade bestellt, ihr seid Schuld, dass ich Geld ausgebe. :-) Die Diskussion über die "richtige" Bezeichnung finde ich ja schon ganz spannend. Beim Studium hatten wir das viel in Bezug auf Menschen mit Behinderungen. Da bin ich auch zu dem Schluss gekommen, man sollte respektieren, was die Betroffenen für respektvoll halten. Nur sagt die eine dann, es sei ihr fürchterlich wichtig, niemals von "Behinderten" zu sprechen. Und meine (körperlich behinderte) Kollegin sagte, ihr sei das auch egal, was man sage, denn die Vorurteile würden auch nicht weniger oder mehr, wenn die frühere Hilfsschule jetzt auf einmal Förderschule heiße statt Sonderschule usw. Manche Bezeichnungen hielt sie für übertrieben. Aber man kann ja auch flexibel sein. Ich fürchte, mit Bezeichnungen wie "Farbige", "Schwarze" usw. könnte es ähnlich sein bzw. sich auch öfter mal ändern. Hier war ja die Frage nach Leuten aus Asien (oder Leuten mit Eltern aus Asien?): Ich würde wohl, wenn ich das betonen wollen würde, von "koreanischer", "chinesischer" usw. "Herkunft" sprechen oder erwähnen, dass die Eltern der Person da herstammen. Die Bezeichnung "der Türke", egal welche Nationalität die Person hat, hört man ja in Deutschland sehr oft, aber das kann´s ja auch nicht sein.

Ich bin mal gespannt auf das Buch.

Ach ja, "Native American" ist aber nur die US-amerikanische Bezeichnung, oder? Spricht man in Kanada nicht von "first nations"? Das kam im neusten Buch von Irving öfter mal vor.
Uta (mit R., 06/02, J., 09/05, D., 07/08 und M, 07/11)
Marilu

Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Marilu »

Nachtrag: Ich habe geschrieben, dass ich es nicht mag, zu kategorisieren. Und ich habe das Gefühl, dies zu tun, wenn ich jemanden, den ich eigentlich als Individuum sehe, in eine Gruppe stecke. Ich habe das Gefühl, dass ein Unterschied zwischen mir als Weißer und dem Gegenüber als Schwarzer nicht besteht, da wir beide Menschen sind und die Hautfarbe erstmal nichts mit unserer Beziehung zu tun hat. In dem Moment, in dem ich es ausspreche – so mein Gefühl – ergibt sich der Graben erst (dass das Unsinn ist, hab ich jetzt (auch mit diesem Buch) begriffen, glaub ich). Und in dem Moment wird es auch politisch und geht von der persönlichen Ebene weg.

(Nebenbemerkung: Grade im Pekip berichtete eine Mutter vom Krankenhausaufenthalt: „Da war auch so eine… das klingt jetzt nicht nett, aber das war so … so eine N-Wort aus Nigeria, die konnte gar kein deutsch und kaum englisch“ :shock: Ich muss leider zugeben, dass ich so perplex war, dass ich keine Antwort gegeben habe. :()
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Zierbanane
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Zierbanane »

Marilu hat geschrieben:...

Und dann hab ich noch eine Frage: Sie sagt „Afroamerikaner“ sei das neue „N-Wort“ – also tabu. Aber „afrodeutsch“ verwendet sie selber. Was denn nun? Versteh ich nicht.
Wir leben hier in DL und deswegen sind die Schwarzen hier eben "Afrodeutsche". Sie sind keine Amerikaner. Es soll eben nicht jeder schwarze Deutsche als "Afroamerikaner" bezeichnet werden weil das vielfach nicht stimmt. Sind wir in den USA, dann ist es folglich richtig "Afroamerikaner" zu sagen. So habe ich das verstanden.
Marilu hat geschrieben:Und hier noch meine Gedanken zu dem Begriff „Schwarz“.
Sow sagt, die Weißen tun sich schwer das Wort „Schwarz“ auszusprechen, weil sie tief im Innern immer noch (obwohl ihnen das vielleicht gar nicht bewusst ist) „schwarz“ für was Negatives halten und es daher nicht aussprechen wollen.
Ich hab jetzt echt lange drüber nachgedacht, aber ich behaupte mal, für mich hat(te) das andere Gründe. Nämlich: Wie Sow sagt, ist es immer „Herrenrecht“, die anderen zu bezeichnen und Namen zu vergeben. Und es ist respektvoll, die selbstgewählten Begriffe zu benutzen.
Jetzt hatte ich in meinem Leben öfter Kontakt zu Schwarzen, aber noch nie hat die Hautfarbe eine so große Rolle gespielt, dass wir darüber ins Gespräch gekommen wären. Also habe ich als Weiße gar keine Ahnung, wie „die Schwarzen“ im Allgemeinen sich nennen. Einzige Quelle: Den Englischlehrer aus der Schule, der gesagt hat, die Schwarzen nennen sich „blacks“, aber nur sie selbst sich, pc sei „African American“ (von schwarzen Deutschen war natürlich nie die Rede, obwohl wir auch welche an der Schule hatten).
So. Und wenn ich nun nicht weiß, was der selbstgewählte Begriff ist, käme ich nie im Leben auf die Idee, dass das ausgerechnet „schwarz“ sein sollte. Denn schwarz ist die Haut ja wohl nicht. Bisher war ich immer der Annahme, dass die Bezeichnung schwarz bestimmt von den Weißen kam – im Kontrast zu ihrer eigenen hellen Haut. Also eiert man ein bisschen rum, weil man ja nichts Falsches sagen will, hat aber keine echten Begrifflichkeiten und vermeidet es, überhaupt was zu sagen.
Aber wirklich "weiß" sind wir doch auch nicht. Mir hat es unheimlich gut getan nun endlich zu wissen was ich sagen darf und womit ich dann auch niemandem vor den Kopf stoße. Ja, früher hab ich da auch immer rumgeeiert.
Marilu hat geschrieben:Außerdem widerstrebt es mir, zu verallgemeinern. Ich werfe nicht gern alle Leute in einen Topf. Ich sage, wenn ich Leute beschreibe, auch nicht pauschal „der Weiße“, sondern so ne ganz Blonde, so ne Nordische. Oder ein südländischer Typ. Oder sieht ein bisschen arabisch aus. Ist das auch rassistisch?
Sow stört es, dass die Schwarzen immer nur über ihre Hautfarbe definiert werden. Mal ehrlich, wenn ich einen Schwarzen sehe und dann irgendwas über ihn erzählen müßte, würde ich auch sofort sagen: "Der Schwarze...". Und eigentlich stört Sow das. Ich komme jedoch im Alltag zu selten mit Schwarzen in Kontakt und weiß gar nicht was ich sonst sagen soll, da ich das Gefühl habe, dass sie alle "gleich" schwarz sind. :| Sow würde sich wünschen, dass man sagt: "Die FRAU mit dem tollen grünen Pulli...".
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Uta
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Uta »

Das Problem ist doch, dass man manchmal Kategorien braucht, Menschen "sortieren" nun mal die Welt gerne. Normalerweise würde ich wohl tatsächlich einfach den Namen einer Person benutzen, was auch immer für eine Hautfarbe sie hat. Aber wenn es halt doch mal Thema ist, das jemand einen anderen kulturellen Hintergrund hat oder eine andere Hautfarbe als der Durchschnitt, muss man sich irgendwie ausdrücken, und da wird´s manchmal schwierig. Warum fallen mir nun jetzt gerade wieder gewissen Schwiegermüttersprüche ein? :-) Vermutlich ist man wirklich rassistischer, als man gerne wäre, aber eine junge Frau, die in Deutschland studiert, würde ich z. B. nicht fragen, ob sie Deutsch auch lesen könne, eine Hausordnung oder so.
Uta (mit R., 06/02, J., 09/05, D., 07/08 und M, 07/11)
Marilu

Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Marilu »

Mein Sohn fragte mich neulich, warum manche Kinder in seinem Kindergarten so anders aussehen. Hätte ich da sagen sollen "Die sind schwarz"? Das wäre doch eine Kategorisierung gewesen, die ihn von den anderen abgrenzt - oder sie von ihm. Ich habe stattdessen gesagt, dass alle Menschen unterschiedlich aussehen, verschiedene Haare, Haut, Augen, alles... haben. Damit bleibt er in einer Kontinuität mit den anderen Kindern. Hab ich ihm da was verschwiegen/vorenthalten/falsch erklärt? Wie seht ihr das?
Zierbanane hat geschrieben:Wir leben hier in DL und deswegen sind die Schwarzen hier eben "Afrodeutsche". Sie sind keine Amerikaner. Es soll eben nicht jeder schwarze Deutsche als "Afroamerikaner" bezeichnet werden weil das vielfach nicht stimmt. Sind wir in den USA, dann ist es folglich richtig "Afroamerikaner" zu sagen. So habe ich das verstanden.
Achso. Auf die Idee hier in D Afroamerikaner zu sagen, wär ich gar nicht gekommen :roll:
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clermontine
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von clermontine »

Marilu hat geschrieben: Ich bin mir auch immer noch nicht sicher, ob es ein stilistischer Trick ist, dass sie den Weißen immer wieder Gedanken unterstellt. Nach dem Motto „dann sehen die mal, wie es uns immer geht“. Oder ob sie das wirklich so meint. Auch im Interview mit einem schwarzen Pfarrer (?) kommt die Frage „Warum tun sich die Weißen mit xy so schwer?“ (oder so ähnlich). Da fehlt mal mindestens ein „deiner Meinung nach“ – denn woher soll der schwarze Pfarrer denn das nun wissen? Wieder so ein Punkt, an dem ich mir nicht sicher bin, ob sie die Weißen in die „angestammte“ schwarze Position rücken will, um ihren Punkt zu verdeutlichen, oder ob sie es wirklich so meint.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um einen "Rollentausch" handelt, um die Weissen fuer das Empfinden eines Schwarzen zu sensibilisieren. So habe ich es verstanden und finde es eine gute Idee, weil es einfach so schwierig ist, denn der Rassismus ist so versteckt.
Da ich in Deutschland aufgewachsen bin und dadurch mit der hier ueblichen Darstellung des Schwarzen Menschens, habe ich auch lange gebraucht um zu verstehen, wo das Problem eigentlich liegt. Ich habe mich zwar oft angegriffen oder herabgewuerdigt gefuehlt, konnte es aber lange nicht auf den Punkt bringen.


Und dann hab ich noch eine Frage: Sie sagt „Afroamerikaner“ sei das neue „N-Wort“ – also tabu. Aber „afrodeutsch“ verwendet sie selber. Was denn nun? Versteh ich nicht.

Wie Zierbanane schon erklaert hat. Ich habe mit Amerika wenig am Hut, deswegen bin ich also keine Afroamerikanerin, sondern Afrodeutsche.

Und hier noch meine Gedanken zu dem Begriff „Schwarz“.
Sow sagt, die Weißen tun sich schwer das Wort „Schwarz“ auszusprechen, weil sie tief im Innern immer noch (obwohl ihnen das vielleicht gar nicht bewusst ist) „schwarz“ für was Negatives halten und es daher nicht aussprechen wollen.
Ich hab jetzt echt lange drüber nachgedacht, aber ich behaupte mal, für mich hat(te) das andere Gründe. Nämlich: Wie Sow sagt, ist es immer „Herrenrecht“, die anderen zu bezeichnen und Namen zu vergeben. Und es ist respektvoll, die selbstgewählten Begriffe zu benutzen.
Jetzt hatte ich in meinem Leben öfter Kontakt zu Schwarzen, aber noch nie hat die Hautfarbe eine so große Rolle gespielt, dass wir darüber ins Gespräch gekommen wären. Also habe ich als Weiße gar keine Ahnung, wie „die Schwarzen“ im Allgemeinen sich nennen. Einzige Quelle: Den Englischlehrer aus der Schule, der gesagt hat, die Schwarzen nennen sich „blacks“, aber nur sie selbst sich, pc sei „African American“ (von schwarzen Deutschen war natürlich nie die Rede, obwohl wir auch welche an der Schule hatten).
So. Und wenn ich nun nicht weiß, was der selbstgewählte Begriff ist, käme ich nie im Leben auf die Idee, dass das ausgerechnet „schwarz“ sein sollte. Denn schwarz ist die Haut ja wohl nicht. Bisher war ich immer der Annahme, dass die Bezeichnung schwarz bestimmt von den Weißen kam – im Kontrast zu ihrer eigenen hellen Haut. Also eiert man ein bisschen rum, weil man ja nichts Falsches sagen will, hat aber keine echten Begrifflichkeiten und vermeidet es, überhaupt was zu sagen.
Hier moechte ich mal Partei fuer die Weissen ergreifen. Ich kann gut nachvollziehen, dass es fuer einen weissen Menschen sehr schwierig ist, den richtigen Begriff zu waehlen. Ich persoenlich bin da auch nicht so pingelig. Fuer mich macht der Ton die Musik. Ich habe keine Problem, wenn jemand von Farbigen spricht. Das N-Wort geht gar nicht und bei Mischling fuhele ich mich auch auf ein Tier reduziert. Schwarz ist politisch korrekt, auch wenn wir nicht wirklich schwarz sind, egal. Aber wenn jemand das Wort "schwarz" genauso abfaellig benutzt wie das N-Wort, hilft alle politische Korrektheit nicht.
Ich will damit sagen, dass man sich als Weisser nun auch nicht zu sehr den Kopf zerbrechen muss. Mir ist es oft sehr unangenehm, wenn Menschen in meiner Gegenwart nach Worten suchen, um ja nicht als rassistisch dazustehen. Keine Sorge, ein schwarzer merkt den Unterschied und ich "verzeihe" auch einen ungluecklich gewaehlten Begriff und bei Gelegenheit weise ich daraufhin, wie sich derjenige ohne Gestammel ausdruecken kann.

@Uta: du sprichst einen Punkt an, bei dem ich mich immer unsicher fuehle, weil ich nicht weiss wie die korrekte Selbstbezeichnung von Menschen mit Behinderung ist.

Bezueglich asiatischer Herkunft bin ich auch unsicher. Wenn es wichtig ist, sage ich auch asiatischer Abstammung. Weiss ich das Herkunftland, dann natuerlich Japaner, Koreaner etc. Allerdings hatte ich nur in der Sprachschule in Barcelona asiatische Mitschueler. Bis auf eine Japanerin alles Chinesin und sie hatten auf meine Anfrage hin kein Problem mit der Wortwahl der asiatischen Abstammung.

Zu "Indianern" sage ich Native American oder eben Ureinwohner Amerikas.

Wie Uta schon sagte, der Mensch braucht Kategorien. Es geht darum, nur dann bezueglich der Herkunft zu kategorisieren, wenn es fuer das Thema wichtig ist.
Uta hat geschrieben:Vermutlich ist man wirklich rassistischer, als man gerne wäre, aber eine junge Frau, die in Deutschland studiert, würde ich z. B. nicht fragen, ob sie Deutsch auch lesen könne, eine Hausordnung oder so.
Das ist aber leider nicht die Regel. Zum Beispiel hatte ich mich waehrend meiner Studienzeit fuer einen Telefonjob beworben und beim Vorstellungsgespraech musste ich dann "beweisen", dass ich die deutsche Sprache fliessend beherrsche. Ich fand das ziemlich krass, denn aus meinen Bewerbungsunterlagen ging hervor, dass ich in Deutschland geboren und anhand meines Lebenslaufes auch hier aufgewachsen bin. Das Gespraech ging bis zu diesem Zeitpunkt schon 30min.
Es passiert auch oft, dass man mir in "Auslaenderdeutsch" antwortet, obwohl ich ganz normal etwas gefragt habe. Zum Bsp nach einem Weg oder beim Kartenkauf im Kino, oder, oder, oder.
Am besten ist mir noch in Erinnerung als ich ein Konto eroeffnen wollte und alle fuenf Minuten ein "du haben verstanden" entgegenkam. Abgesehen von der frechen Dutzerei. deutsch ist meine Muttersprache und das kann man nicht uerberhoeren. Ich habe natuerlich dort kein Konto eroeffnet.
Marilu hat geschrieben:Mein Sohn fragte mich neulich, warum manche Kinder in seinem Kindergarten so anders aussehen. Hätte ich da sagen sollen "Die sind schwarz"? Das wäre doch eine Kategorisierung gewesen, die ihn von den anderen abgrenzt - oder sie von ihm. Ich habe stattdessen gesagt, dass alle Menschen unterschiedlich aussehen, verschiedene Haare, Haut, Augen, alles... haben. Damit bleibt er in einer Kontinuität mit den anderen Kindern. Hab ich ihm da was verschwiegen/vorenthalten/falsch erklärt? Wie seht ihr das?
Ich finde deine Antwort gut. Wie gesagt, solange es nicht wirklich um die Hautfarbe geht ist es doch auch egal. Und dass alle Menschen anders aussehen stimmt doch.
Mir persoenlich geht es jedenfalls darum. Ich bin in erster Linie deutsch, sehe aber etwas anders aus. Aber im Grossen und Ganzen gleicht mein Lebenslauf meinen weissen Freunden und Bekannten.
Das ist doch genau der Punkt, der mich stoert, dass ich nicht als Deutsche akzeptiert werde und immer in der "Beweispficht" bin. Ich habe auch schon den Versuch gemacht mich einmal in "echt" zu bewerben und einmal mit deutschen Nachnamen ohne Foto. Und obwohl die Qualifikation und alles ander gleich war, wurde meine "deutsche Kopie" bevorzugt. Und genau da liegt das Problem.

Zum Schluss noch, ich finde es sehr schoen, dass es doch einige Interessiert an diesem schwierigen Thema gibt. Das macht mir Hoffnung!!!
LG Clermontine mit Sohn (09/09) und Tochter (04/12)
Uta
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Uta »

@Uta: du sprichst einen Punkt an, bei dem ich mich immer unsicher fuehle, weil ich nicht weiss wie die korrekte Selbstbezeichnung von Menschen mit Behinderung ist.
>Na ja, wie gesagt, "die" korrekte Bezeichnung gibt´s halt nicht. So wie es ja auch Leute mit schwarzem und weißem Elternteil gibt, die eben nicht sich offenbar weniger als du als "schwarz" bezeichnen, sondern das "gemischte" betonen.

>Am besten ist mir noch in Erinnerung als ich ein Konto eroeffnen wollte und alle fuenf Minuten ein "du haben verstanden" entgegenkam. Abgesehen von >der frechen Dutzerei. deutsch ist meine Muttersprache und das kann man nicht uerberhoeren. Ich habe natuerlich dort kein Konto eroeffnet.
Ich glaube, manche Leute scheinen nicht zu hören, wenn man eine Sprache beherrscht. Meine Schwester wohnt in England, redet wie eine Engländerin. Wenn sie aber zu mir dann zwischendurch einen Satz auf Deutsch sagt, meinen manche Verkäuferinnen auch, sie müssten besonders laut und deutlich mit uns reden. Als ob Ausländer lautes Sprechen besser verständen. Aber das scheint die englische Spezialität zu sein, hier meinen die Leute ja, sie müssten auch falsches Deutsch reden, mit Leuten, die das nicht perfekt können.
Uta (mit R., 06/02, J., 09/05, D., 07/08 und M, 07/11)
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