anna... da fällt mir grad was ein
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Winter 1999
Liebes Tagebuch,
man geht’s mir schlecht. Auf allen Vieren bin ich meine 4 Stockwerke unters Dach gekrochen. Den Whg. Schlüssel zwischen den Zähnen, die Handtasche um den Hals hinter mir her schleifend, die Perücke leicht derangiert auf dem Schädel. Auf dem Klo habe ich meine Nacht verbracht und erst gegen morgen war ich fähig in mein Bett zu krabbeln. In meiner Not, weil ich nichts bei mir behalten konnte, habe ich natürlich Uli und Alex angerufen und mit weinerlicher Stimme mein Leid geklagt. Die Süßen, zur Notapotheke sind sie gefahren…..
…. Na ja…man sollte nach einer Zahn - OP vielleicht auch nicht saufen gehen, aber das wurde mir erst später bewusst….und dabei hatte alles sooo nett angefangen….
Freitag Abend. Aufgeregt stieg ich vom Fahrrad und riss die Tür zu Roberts Friseur Salon auf: „Robert!!!!!!! Der Ösi hat ne Tussi!!! Er geht heute abend in den Sage Club!!! Wir müssen hin!! Los mach’ aus mir einen Mann!! Ich muss unerkannt bleiben!“
Robert, der einem Kunden gerade die Haare wusch, sah mich mit aufgerissenen Augen an und fing dann an breit, seeeehr breit zu grinsen: „NEUMI!! Warst Du schon oben in Deiner Wohnung?!“ „Neee!!“ „Dann setzt Dich jetzt erst mal hin, gieß’ Dir Tee ein und rauch’ erst mal ein Zigarettchen!“ “Robert! Wir haben keine Zeit. Es ist bereits sieben!! Wenn Du aus mir noch einen Mann machen willst, …wir werden STUNDEN brauchen!“ Robert half seinem völlig entspannten Kunden, der interessiert seine Fingernägel betrachtete in den Friseurstuhl. „Neumi, Du kommst nach Deinem Vater, flachbrüstig und dunkelhaarig!“
Ich zündete mir eine Zigarette an, ging zum nächst freien Friseurstuhl und schlug meine Beine über die Lehne. Eingehend betrachtete ich den Typen. Weiche Gesichtszüge, geschminkte Augen, angefressene Fingernägel….schlecht lackiert. Er WAR EINDEUTIG schwul. Und unverschämt dazu!! Ich funkelte ihn an, sah dann aber zu Robert, der bereits angefangen hatte Haare zu schneiden. „Sag’ mal….ist noch Prosecco da?“ „Klar!! Hol uns doch auch zwei Gläser, ja?!“ „Na klar, soll ich Deinem kleinen Freund dann auch noch die Fingernägel neu lackieren?“ gab ich süffisant zurück. Ein hektischer Blick der kleinen ungepflegten Schwullette folgte auf seine abgefressenen Fingernägel.
„Mach’ aus ihr keinen Mann. Dies wäre die zickigste Hete unter all den Männern!!“ „Nein, ich hab’ mir schon was anderes überlegt!“ antwortete Robert, ging zu seiner Kasse nahm einen 50 Markschein raus und gab ihn mir. „Hier Neumi, fahr zu Deko- Behrens und hol uns zwei Perücken. FRAUENPERÜCKEN und zwei Federboas!!!“
Bei Deko - Behrens hatte ich echt eine Menge Spaß. Ich probierte sämtliche Perücken auf. Letztendlich entschied ich mich für eine pinke Pagenschnitt - Perücke und eine silberne für Robert (gleicher Schnitt) einschließlich zwei Ferderboas.
Mit Perücke auf’m Schädel, die andere in der Hand und den Federboas um meinen Hals flatternd radelte ich zurück in die Naumannstrasse. Meine Augen leuchteten. Der schreckliche Zahnarztbesuch mit Wurzelbehandlung von vorhin war vergessen. Jetzt zählte nur noch, möglichst unerkannt vom Ösi und seiner Neuen Fotos zu machen und sie dann im Intranet veröffentlichen zu können. Das würde ein Spaß werden!!
Robert und der Halblackierte fingen laut an zu lachen als ich in den Laden wehte.
Nachdem der lästige Typ gezahlt hatte und gegangen war, liefen wir in meine Wohnung und machten Modenschau. Robert hatte ALLES von mir an! Inkl. der Unterwäsche!! Als die Klamottenfrage geklärt war liefen wir wieder runter in den Laden, um uns zu schminken. Bzw. ROBERT schminkte…erst mich….dann sich.
Und dann waren wir fertig….Neumi und Schneeweiss (Roberts Nachname) bereit zur mission impossible .
Als wir nun so als Drag Queens vor einander standen, meinte Robert: “Sag’ mal, wieso willst Du überhaupt, dass der Österreicher Dich nicht erkennt. Ich denke Du willst ihn?!!“
„He? Ach so! Nee, im Augenblick will ich ihn wieder nicht. Ich denke, es ist nicht so gut…weil wir doch in der selben Firma und in der selben Abteilung….und so…Du verstehst?!“ „Aha! Und wieso beschatten wir ihn jetzt?? Und wozu die Kamera?!“ „Na weil ich ihn fotografieren will, wie er gerade mit seiner neuen Tussi rummacht!! Die iss auch aus der company!“ Robert grinste: „DU WILLST IHN JA DOCH NOCH!“ „Nein, ……jaaaa, ach wat weiß ich…ich hatte ihn doch schon mal….ist doch scheißegal! Lass uns los!“ „Ok, zu Fuß!!! Wir halten an jeder Kneipe die auf dem Weg liegt, um uns aufzuwärmen und einen kurzen zu trinken!“ Ich zeigte ihm einen Vogel, „Du willst bist MITTE laufen???“ „Ja!! Komm’!! Zuerst halten wir hier gegenüber bei Kerstin!“
Als wir aus der 5.Kneipe raus waren, meinte ich schon ziemlich angetrunken: „Schneeweiss, lass uns jetzt mal ein Taxi nehmen!! Wir sind erst in Kreuzberg!! Wenn wir uns bis Mitte durchsaufen wollen, endet meine Zeit als Drag Queen bereits am Ortsausgangschild von Kreuzberg!! Ich glaube, Du hast nicht die geringste Ahnung wie viele Kneipen Kreuzberg hat!“
„Och Neumi, nur noch 3 Häuserblocks!“ Das Schwule immer so auf öffentliches Rampenlicht aus sind. Vor allem…Ich war die Lady mit den wirklich hohen Schuhen. Wir nahmen ein Taxi und fuhren…..“Ohhh Neumi!!!! Geralds Kneipe liegt hier gleich auf dem Weg! Lass und da noch mal anhalten. Da sind bestimmt auch Elli und Jensi!“ Muss ich erwähnen, dass die eben genannten Personen ALLE schwul waren??
In Geralds Kneipe blieben wir Gott sei Dank nicht lange, denn der einzig heterosexuelle Mann in diesem Laden, war ein schmieriger Typ mit schlechtem Atem. Würg!
Aber wer jetzt glaubt, wir sind danach endlich in den Sage Club gefahren….äh, äh….nein….Herr Schneeweiss wollte nuuur noch schnell im ‚Roses’ vorbei. Weil die anderen Elli, Jensi und Sascha ja auch da hin wollten. Da könnte man ja gleich zusammen LAUFEN!!! Vor der nächsten Kneipe blieben wir stehen. Die Jungs unterhielten sich mit dem Türsteher. Ich dachte nur: “Ok, nächste Kneipe, nächster Absacker, schnell hinter uns bringen und weiter!“ Also bin ich an dem Haufen quatschender Homis vorbei und rein in den Laden. Ich bemerkte nicht, dass, als ich die Tür aufriss, die Homis hinter mir schlagartig verstummten, ich wühlte mich bereits durch schwere Vorhänge. Als ich den Kopf durchgesteckt hatte und dann mein Körper folgte, stand ich im Raum vor einer Bar. Vor mir….LAUTER SPLITTERFASERNACKTE MÄNNER!!!!! Ich zog die Augenbrauen hoch. Als ich auch bemerkt wurde, verstummte wie im Film die Musik und lauter homosexuelle nackte Männer guckten mich mit heruntergeklapptem Kiefer an. Ok, der Anblick einer Drag Queen mit pinken Haaren und einer Federboa um den Hals, die noch nicht mal eine Drag Queen war, weil ja heterosexuell UND DAZU noch eine Frau….muss sie vielleicht doch ein wenig geschockt haben. Auf jeden Fall sagte der Mund unter dem pinken Pony: “Moin Jungs! Habe ich wohl das falsche Outfit an!“ damit drehte sie sich auf dem Absatz um, schmiss effektvoll die Federboa um die Schulter und wühlte sich wieder durch den Vorhang!
Bei meinem Auftauchen schmissen sich meine schwulen Freunde weg vor lachen!!
Robert zupfte an meiner Federboa: „Schätzchen! Wie war die naked-party?? Waren hübsche Männer dabei? Wir durften ja leider nicht rein, weil geschlossene Gesellschaft!“ und brach wieder in Gelächter aus. „Jaaaa, um ehrlich zu sein, waren da einige echt scharfe Schnittchen dabei! Und Schwänze….prachtvolle Schwänze! Manche im erigiertem Zustand…!“ Nun war es auf meiner Seite zu lachen, weil mich meine „girls“ alle schmachtend ansahen.
Im ‚Roses’ angekommen, war ich fix und fertig. Alkoholtechnisch ging nix mehr rein. Voll wie 10 Eimer!!!! Ich stand in diesem überaus plüschigen Laden, voller Rosen und ROSA -Plüsch (selbst das Geländer zur Kneipentür war mit rosa Plüsch überzogen) und schwenkte mein Glas und meine Federboa. Im Mund eine Fluppe und rief die ganze Zeit: „Sensationell!! Alles ganz sensationell!! Gratuliiiiiere RobAt!! Allet schwule Männer hier. DU bist soooo egoistisch!!! Immer denkst Du nur an DEINE BEDÜRFNISSE!!! Sensationell, wirklich!! Du bist schwul und…“ ich zeigte auf den nächst besten Kerl der den Laden betrat. „Ja!“ war die Antwort…und jedem der reinkam drückte ich auf’s Auge: „Du bist schwul, und Du auch….herrgott, und DU bist bestimmt auch schwul….lauter Schwule!“ Elli nahm mich von der Tür weg, „Schätzchen, natürlich sind hier nur Schwule, Du bist in einer Schwulenkneipe!“ Dies hielt mich nicht davon ab, weiter zu machen: „ Sensationell, ganz sEnSAtionell!!! Und Du, Du bist auch schwul!! Ist denn verdammt noch mal kein Heterosexueller Kerl hier??? Ich bin ja auch nicht schwul!!“ „Ja!! Ich!! Ich bin nicht schwul!“ Vor mir tauchte ein Typ an der Treppe auf. Ob er gut aussah kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass ich ihm kein Wort geglaubt habe, weil was „macht eine Hete unter all den Schwulen“?? Hm?? Und….das ich fürchterlich aufschrie, weil ich eine vermeintliche Spinne in meinem Dekoltee entdeckte, was sich aber als losgelöste falsche Wimper entpuppte. Ich weiß das noch, weil Robert mit einem Aufschrei in die Knie ging und hektisch diese Wimpern suchte. Vom Boden kam immer wieder: „Mensch Neumi! Die sind sau-teuer!! Du bist doch voll! Zeit für Dich nach hause zu fahren!“
An dieser Stelle sage ich jetzt nicht, dass voll noch untertrieben war und ich schon zweimal diese äußerst unsauberen Toiletten aufgesucht hatte und mich erbrach.
Aber ich erwähne, dass ich auf dem Weg zum Taxi meinen Schuh verlor und ich in die Kneipe zurück stürmte und Robert flehend ansah und nuschelte: „Schneeweissss, ich habe meine Federboahh verlorn’!“ „Nein, Prinzessin! Du hast in erster Linie Deinen Schuh verloren!“
Auf der Taxifahrt mussten wir drei Mal anhalten. Zweimal, weil mir sooo schlecht war und einmal weil ich merkte, dass Robert nicht dabei war. Vor meiner Haustür fiel mir dann auch noch auf, dass Robert noch meinen Schlüssel hatte. Der Taxifahrer war mehr als genervt, weil er seine leidige Fracht noch mal zurück und noch mal hin fahren musste. Robert traute seinen Augen nicht. „Robert! Meine Schlüssl’!“ „Ach Gott Herzchen, Du siehst ja furchtbar aus. Man gut, dass Du Deine Perücke noch auf hast, da erkennt Dich wenigstens keiner!“
Soweit zu der mission impossible, die sich auch als solche herausstellte. Der Ösi hatte übrigens gar keine Neue, aber ich wollte es auch nicht mehr sein!