Grundinfos zu Tragetüchern

Sammelstelle aller Infos rund ums Tragen

Moderatoren: Marla84, sTanja, posy

Antworten
Sternschnuppe
Mod a.D.
Beiträge: 3517
Registriert: 30.03.2011, 23:00
Wohnort: BaWü

Grundinfos zu Tragetüchern

Beitrag von Sternschnuppe » 25.05.2013, 18:29

Tragetücher

Das Tragetuch - der flexible Wegbegleiter über die gesamte Tragezeit!
Ein Tragetuch kann von der Geburt bis zum Ende der Tragezeit ein sehr treuer Begleiter sein. Das Tragetuch lässt sich in jeder Situation individuell an die tragende Person sowie das Kind anpassen und kann beide in einer gesunden Körperhaltung optimal unterstützen: Das Kind kann mit der passenden Bindeweise die für die Hüftentwicklung wichtige Anhock-Spreiz-Haltung einnehmen und seinen Rücken komplett runden. Durch festes Binden wird der kindliche Rücken dabei überall optimal gestützt, die Wirbelsäule wird somit geschont, und der Erwachsene kann in einer gesunden Körperaufrichtung unterstützt werden.
Je nach Bedürfnis und Situation kommen verschiedenste Bauch-, Hüft- und Rückenbindeweisen in Frage - damit ist das Tragetuch eine wirklich "mitwachsende" und noch dazu die vielseitigste Tragehilfe, die es gibt.
Besonders Früh- und Neugeborene profitieren vom sicheren Halt, den ein gewebtes, diagonalelastisches Tragetuch bietet. Auch für besondere Kinder kann es ein idealer Begleiter von Anfang an sein.



Wie sollte die Haltung im Tragetuch sein?
Das Kind sollte im Tuch die natürliche Anhock-Spreiz-Haltung (Abkürzung: ASH) einnehmen können, damit es ihm bequem ist und seine Hüft- und Wirbelsäulenentwicklung optimal unterstützt wird. Sein Rücken sollte sich komplett runden können, dabei überall gut gestützt sein und nicht gerade gedrückt werden. Zudem sollte es bis zum Hals symmetrisch im Tragetuch hocken, den Kopf darf es zur Seite drehen. Das Kinn darf nicht auf seine Brust sacken.
Damit das Kind einen optimalen Halt hat und die tragende Person in einer gesunden Haltung unterstützt wird, ist das Straffen der Tuchbahnen bei jeder Bindeweise äußerst wichtig. Dabei sollte man bei jeder Tuchbahn acht bis zehn Mal ins Tuch fassen und gefühlvoll strähnchenweise festziehen. Am Ende sollten sich im Tuch keine lockeren Stellen mehr befinden, das Kind darf nicht in sich zusammensacken, zudem solltest du nicht das Gefühl haben, dein Baby mit deinen Händen zusätzlich stützen zu müssen. Dies braucht am Anfang ein bisschen Übung - gib dir und deinem Kind Zeit!

Ein Neugeborenes kann vom ersten Tag an getragen werden - gut gestützt (inkl. Köpfchen) in aufrechter Position. Das Tragen im Tragetuch in liegender Position ("Wiegeposition") empfehlen wir nicht, da wir die Haltung in der Wiege als nachteilig für Hüft- und Wirbelsäulenentwicklung ansehen, die Belastung für den Tragenden einseitig ist und zudem die Gefahr besteht, dass das Baby zusammensackt.

Bitte achtet beim Tragen darauf, dass die Atemwege des Kindes immer frei sind (z.B. bei der Verwendung von Tragejacken, Schals und flauschigen Pullis (auf Seite der tragenden Person), sein Kopf darf nicht im Tuch verschwinden, das Gesicht sollte immer zu sehen sein. Die Kopfkante sollte max. bei/kurz oberhalb der Ohren enden, sodass die Luft zirkulieren kann!




Wie sieht die Anhock-Spreiz-Haltung aus?
Die korrekte ASH im Tragetuch sieht so aus: Beim neugeborenen/schlafenden/entspannten Kind ist der Rücken komplett gerundet und gut gestützt, die Oberschenkel des Kindes sind mäßig gespreizt und stark angehockt, die Unterschenkel und Füße sind frei beweglich. Die Anhockung messen wir vom gestreckten Standbein aus zum angewinkelten Oberschenkel. Die Spreizung messen wir zwischen den geöffneten, gespreizten Oberschenkeln.
Mäßig gespreizt bedeutet: um 60 bis max. 90 Grad abgespreizt (bei Frühchen und Neugeborenen evtl. auch weniger). Stark angehockt bedeutet: um ca. 110 Grad angehockt, die Knie des Kindes befinden sich auf Höhe seines Bauchnabels.
Die Spreizung kann man grob abschätzen, indem man seine Hände an die Oberschenkel des eingebundenen Kindes legt, sie gerade hinter dem Po zusammenführt und nun den Winkel zwischen den Handinnenflächen bestimmt – er sollte 90 Grad nicht überschreiten.
Wache, größere Babys, die sich im Tuch schon durch eigene Muskelkraft aufrichten können, haben einen recht geraden Rücken und eine verminderte Anhockung (die Knie des Baby sollten aber immer mind. auf Höhe seines Pos sein). Dies ist völlig in Ordnung, solange das Kind diese Haltung von alleine einnimmt und, sobald es einschläft, wieder seinen Rücken runden und die Beine anhocken kann.

Es gibt Bindeweisen, die diese Haltung mehr oder weniger unterstützen. Ist der Rücken gerader, sollte auch die Anhockung geringer sein und etwa 90 Grad betragen (Knie auf Popohöhe). Dies empfehlen wir z.B. bei der Wickelkreuztrage.
Mit Bindeweisen, die z. B. den Rücken deutlich gerade drücken und damit auch die Beinhaltung stärker beeinflussen, sollte bis zum Sitzalter gewartet werden.
Empfohlene Bindeweisen für die erste Zeit sind daher Känguru, Rucksack, Hüftkänguru sowie die unaufgefächerte Wickelkreuztrage mit Innensack. Auch ein RingSling (tragetuchnahe Tragehilfe) ist ab Geburt sehr empfehlenswert.



Was kennzeichnet ein gutes Tragetuch?
Um dem Kind und der tragenden Person lange Freude zu bereiten und beide optimal unterstützen zu können empfehlen wir, bei der Auswahl eines Tragetuchs auf folgende Eigenschaften zu achten:

Diagonalelastizität: das Tragetuch ist in der Länge und in der Breite nicht elastisch, dafür in beiden Diagonalen. Dies gewährleistet eine gute Anpassung an die Körperformen von Kind und Tragendem bei gleichzeitig optimalem, festem Halt. Die Webarten Kreuzköper, Diamantköper und Jacquard sind diagonalelastisch.

Doppelt umgenähte Kanten: verhindern ein Ausleiern und sorgen für bestmöglichen Halt.

Mittelpunktmarkierung, abgeschrägte Tuchenden, unterschiedlich farbige Kanten und Streifenmuster erleichtern das Binden, besonders bei den ersten Bindeversuchen.

Speichelechtheit sowie Schadstrofffreiheit




Welches Tragetuch eignet sich für die ersten Bindeversuche besonders?

(Nicht nur :wink: ) für die ersten Bindeversuche eignen sich besonders Kreuz- und Diamantköpertragetücher aus 100% Baumwolle.
Das Tuch sollte vom Material her weder zu dick, noch zu dünn, griffig und angenehm weich sein. Hochwertige Tragetücher werden beim Eintragen weicher.
Von uns getestet und für gut befunden: Streifentücher von Didymos bzw. Storchenwiege sowie die "Leos" von Storchenwiege. Diese Tücher sind besonders bindefreundlich, leiern i.d.R. nicht aus, bieten einen festen Halt und lassen sich auch mit schwerem Tragling noch angenehm tragen. Man kann sie auch gut gebraucht kaufen- dann sind sie meist schon schön eingetragen. Dabei sollte man darauf achten, dass sie vom Vorbesitzer gut gepflegt wurden (kein Weichspüler, kein Pulverwaschmittel, schonendes Waschen, s. unten).
Jacquardtücher erkennt man an zwei verschieden farbigen Seiten und bzw. oder einem Muster. Sie neigen eher zum Ausleiern und Nachgeben, weswegen wir sie für die ersten Bindeversuche eher nicht empfehlen: Im Allgemeinen lassen sie sich nicht so leicht und so gut festziehen und müssen ggf. während des Tragens nachgezogen werden. Achtung: Es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Herstellern und den einzelnen Modellen und Farben. Generell lässt sich sagen, dass die eben genannten Eigenschaften von Jacquardtüchern besonders bei solchen mit viel/großflächigem Muster auftreten. Hier braucht man meist einfach mehr Geduld und Übung beim Binden :wink: Genaueres zu den Webarten erfährst du hier.
Mischgewebe (z.B. mit Leinen oder Seide) erfordern oft etwas mehr Übung, da sie aufgrund der Materialeigenschaften schwerer zu binden sein können und/oder evtl. einige Zeit brauchen, bis sie eingetragen sind.

Gib dir und deinem Baby Zeit bei den ersten Bindeversuchen: Binden braucht Übung!
Starte die ersten Bindeversuche, wenn dein Baby satt und zufrieden ist oder schläft und du genügend Zeit und Ruhe hast, dich dem Binden zu widmen.
"Faustregel": eine Woche lang 2 - 3 x täglich üben, dann sitzt die neue Bindeweise :D
Eine Trageberaterin/ ein Trageberater kann den Start erleichtern und dir helfen, die für dich und dein Baby passende Bindeweise herauszufinden. Dort erhältst du zudem wichtige Informationen und Tipps zum Tragen und kannst die neue Bindeweise ausgiebig mit einer Tragepuppe üben.


Trageberater/-innen findest du z.B. hier:

Trageberater/-innen der ClauWi-Trageschule
Trageberater/ -innen der Trageschule Dresden
Hier im Forum
Tragenetzwerk



Welche Bindeweisen sind für die erste Zeit geeignet?
Für die erste Zeit eignen sich die Kängurubindeweisen (Känguru vor dem Bauch, Hüftkänguru und einfacher Rucksack) besonders gut, ebenso die Wickelkreuztrage (unaufgefächert mit Innensack). Diese Bindeweisen können bei gesunden Neugeborenen ab dem ersten Lebenstag gebunden werden. Ein RingSling kann hier ebenfalls sehr gute Dienste leisten.
Bei Kindern mit Hüftentwicklungsverzögerungen und/oder Frühchen empfehlen wir besonders die Kängurubindeweisen, bei Frühchen zunächst ausschließlich das Känguru vor dem Bauch oder auch einen RingSling (aufrechte, gekippte Trageweise).
Bindevideos findest du hier .
Sehr gute Bilderanleitungen findest du hier .



Sind elastische Tücher für die erste Zeit geeignet?
Generell bieten gewebte Tragetücher einige Vorteile gegenüber elastischen Tragetüchern- auch und besonders bei Neugeborenen und Frühchen :wink:
Ein gewebtes Tragetuch gibt dem Baby den benötigten Halt, ein elastisches Tuch ist dagegen in alle Richtungen äußerst dehnbar, weswegen das Baby i.d.R. unzureichend gestützt ist. Elastische Tücher geben sehr nach, müssen sehr oft nachgezogen werden und stützen auch dann das Baby meist nicht ausreichend. Zudem können sie nur bis zu einem Gewicht von ca. 6-8 Kilo und mit nur einer Bindeweise genutzt werden.
Besonders bei Frühchen, Neugeborenen und schlafenden Kindern (herabgesetzter Muskeltonus) raten wir daher von einem elastischen Tragetuch ab, da diese Kinder besonders viel Halt brauchen!
Elastische Tücher können aber in besonderen Situationen zum Einsatz kommen z. B. bei Babys, die sich anfangs mit der Enge, die ein gewebtes Tuch bietet und die im Normalfall auch gewünscht ist, nicht wohlfühlen.
In solchen Situationen kann ein elastisches Tragetuch dem Baby und den Eltern eine hilfreiche Unterstützung sein, um das Tragen in der ersten Zeit/während der Therapie zu ermöglichen. Alternativ könnte man eine andere Bindeweise oder eine Fertigtragehilfe ausprobieren, bei der durch den Tuchverlauf bzw. der Konstruktion oder der Abpolsterung der Tragehilfe weniger Druck auf die sensiblen Stellen des Kindes ausgeübt wird.
Wird im elastischen Tragetuch getragen, sollte eine dreilagige Bindeweise vor dem Bauch gewählt werden, um dem Baby genug Halt zu geben.
Das Tuch muss ebenso ordentlich gebunden und festgezogen werden wie ein gewebtes Tuch.
Wir empfehlen daher bei einem elastischen Tuch ausschließlich die aufgefächerte Wickelkreuztrage mit Innensack vor dem Bauch! Auch bei den elastischen Tragetüchern gibt es Unterschiede zwischen den Modellen, wir empfehlen Tücher mit doppelt umgenähten Kanten, z.B. von Didymos.
Mehr zum Thema erfährst du hier .



Wie lange sollte das Tuch sein?
Die Länge eines Tragetuches sollte vor dem Kauf gut überlegt sein- ein zu langes Tuch kann das Binden erschweren.
Die Tuchlänge hängt zum Teil von der Konfektionsgröße der tragenden Person, besonders stark jedoch von der gewünschten Bindeweise ab. I.d.R. lassen sich die Kängurubindeweisen und der Rucksack mit einem Tuch der Länge 3,60 m gut binden, die Kreuzbindeweisen mit einem Tuch der Länge 4,60 m. Zierliche Eltern können auch mit einem kürzeren Tuch gut klar kommen, Eltern mit größerem Körperumfang benötigen eventuell ein längeres Tuch.
Welche Bindeweise zur jeweiligen Familie passt (und demnach auch welche Tuchlänge benötigt wird) kann man sehr gut in einer Trageberatung herausfinden.
Oft werden gerne sehr lange Tücher ge- bzw. verkauft, da man dann "alles" binden kann. Tatsächlich kommt man über die gesamte Tragezeit oft mit 3 unterschiedlichen Bindeweisen aus und selbst große Menschen brauchen selten ein längeres Tuch als 4,60 m. Wir raten dazu, ein Tuch in der Länge zu kaufen, welche zur Hauptbindeweise passt. Dementsprechend ist ein kürzeres Tuch (i.d.R. ca. 3,60m) für die Kängurubindeweisen sehr empfehlenswert, wenn diese hauptsächlich gebunden werden :D
Du hast ein zu langes Tuch? Du kannst es kürzen und den Mittelpunkt versetzen. Dabei genau ausmessen, wieviel Tuchlänge gebraucht wird und das Tuch nur an einem Ende kürzen, dabei die Schräge erhalten und die Kanten gut versäubern.



Pflege des Tragetuchs
Damit ihr lange Freude an eurem Tragetuch habt, haben wir hier ein paar Pflegetipps für euch zusammen gestellt:

Tragetücher bitte immer ohne Weichspüler und mit flüssigem Feinwaschmittel waschen. Weichspüler und Waschpulver können die Bindeeigenschaften beeinflussen.
Wählt eine möglichst niedrige Waschtemperatur (Baumwolle kann bei starker Verschmutzung bei max. 60° gewaschen werden), sowie eine möglichst geringe Schleuderzahl (400-600).
Jacquardtücher sollten nach dem Waschen gebügelt werden, Kreuz-/Diamantköpertücher dagegen nicht. Bei kalkhaltigem Wasser zum Bügeln destilliertes Wasser verwenden. Und idealerweise trocknet das Tragetuch von selbst, ohne Trockner.



Wie wird ein Tragetuch weicher?
Am besten durch Benutzung :D Zusätzlich kann man es knoten, über die Türklinke oder durch Slingringe ziehen, drauf sitzen (z.B. auf der Couch) oder auch beim Waschen einen Schuss Essig dazu geben.



Wir wünschen euch eine schöne Tragezeit! Falls noch Fragen offen sind könnt ihr euch jederzeit gerne bei uns im Forum melden :D
Zertifizierte ClauWi- Trageberaterin (GK 05/11, AK 10/11, Zerti 03/12)

Antworten